Als Erste durchs Ziel

22.12.2020 | Autor: Anne Waak | Fotos: Fritz Beck

Sophia Flörsch steht in einem roten Kleid vor einem türkisfarbenen Vorhang und schaut in die Kamera.
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Sophia Flörsch will die erste weibliche Formel-1-Meisterin werden. Und so, wie sie Gas gibt, wird sie das auch schaffen.

Auch im Autorennsport wird Diversität immer wichtiger: Sophia Flörsch startet dieses Jahr in Le Mans mit einem reinen Frauenteam. Die Deutsche will die erste Weltmeisterin der Formel-1-Geschichte werden. Auf ihrem Weg an die Spitze schont sie am wenigsten sich selbst.

Der Himmel über Ampfing nahe München ist tiefblau und wolkenlos. Zwei junge Fahrer drehen in ihren Karts geräuschvoll ihre Runden. Hier, auf dem Asphalt, hat Sophia Flörsch so viel Zeit verbracht wie an wenigen anderen Orten. Von ihrem siebten bis zu ihrem 13. Lebensjahr fuhr sie auf dieser Kartbahn zahllose Trainings und Rennen. Heute ist sie die erfolgreichste Automobilrennfahrerin Deutschlands, mit gerade einmal 19 Jahren.

Sophia Flörsch geht vor einem weißen Garagentor, auf dem zwei Formel-1-Fahnen und Schriftzüge zu erkennen sind.

Flörsch ist ganz vorn: 2016 war die Münchnerin die erste Frau, die in einer deutschen Formel-4-Meisterschaft Punkte errang, im Jahr darauf stand sie als erste Frau auf dem Podest. Ihr Ziel ist klar: „Ich will in die Königsklasse“, sagt sie. Sophia Flörsch möchte die erste Formel-1- oder Formel-E-Weltmeisterin der Geschichte werden – je nachdem, welcher Wettbewerb in ein paar Jahren die Spitze des Rennsports darstellt. Bislang fuhren überhaupt nur fünf Frauen in der Formel 1: 1958 startete als Erste die Italienerin Maria Teresa de Filippis. 1975 erzielte deren Landsfrau Lella Lombardi einen halben WM-Punkt (das Rennen wurde wegen einer Serie von Unfällen abgebrochen). Giovanna Amati war 1992 vorerst die letzte Frau in der Formel 1. Die meisten jener Fahrerinnen begannen erst im Alter von 19 Jahren zu trainieren. Sophia Flörsch hingegen fährt Rennen, seit sie denken kann. Sie hat bereits einschneidende Erlebnisse hinter sich, die andere ans Karriereende hätten denken lassen. Nach schweren Verletzungen hat sie sich zurückgekämpft. Sie plant ihre Zukunft hochprofessionell, unterstützt von ihrem Vater, der das Management übernommen hat. Sophia Flörsch meint es ernst. Und sie schont sich dabei nicht.

Sophia Flörsch steht in einem langen schwarzen Kleid auf Absperrreifen einer Rennbahn.

Ihre Karriere ist Familiensache.

Doch zurück in ihre Kindheit. Begonnen hat alles mit einem Motocross-Bike, einem Geschenk ihrer Eltern. Sophias Vater fuhr damals hobbymäßig Kart, die Idee lag nahe, dass das Mädchen auch auf vier Räder umsteigen könnte. Auf der Kartbahn war es der Vierjährigen allerdings zu laut, erst das Vorbild eines älteren befreundeten Mädchens weckte Sophias Lust. Spätestens mit 14 war ihr dann klar, dass der Rennsport zu ihrem Lebensinhalt werden wird.

Was fasziniert sie daran so? „Du musst das Auto am Limit bewegen können und auch mal ein riskantes Manöver fahren“, erklärt sie. „Die schnellste Runde fährst du nur, wenn du so spät wie möglich bremst, den perfekten Einlenkpunkt hast, die Ideallinie fährst, frühestmöglich aufs Gas gehst, genug Geschwindigkeit mit in die Kurve nimmst – und das bei neun bis 20 Kurven pro Runde. Es geht um Zehntel- und Hundertstelsekunden.“ Und die weiß sie herauszuholen.

2016 begann Flörsch neben der Schule in der Formel 4, seitdem ist das Rennfahren nicht mehr nur Hobby, sondern ihr Beruf – zumal sie zwei Jahre später das Abitur gemacht hat und sich nun ganz aufs Fahren konzentrieren kann.

Es ist ein Beruf, der täglich besonderen Einsatz verlangt: beim Kraft-, Ausdauer- und Reaktionstraining, beim Fahren im Simulator, beim Training, an Rennwochenenden. Ihre Karriere ist Familiensache geworden: Vater Alexander, der zusammen mit der Mutter ein Maklerbüro für Gewerbeimmobilien betrieb, kümmert sich in Vollzeit um die Sponsoren und Reisen und fährt auch mal, wie am Tag unseres Shootings auf der Kartbahn, zum Supermarkt, um Gummibärchen für alle zu besorgen. Irgendwann wird vielleicht die jüngere Schwester in die Unternehmung „Weltmeisterin“ einsteigen, in welcher Rolle auch immer.

Sophia Flörsch steht in einem langen weißen Kleid auf einer Rennstrecke.

Noch ist Sophia Flörsch eine der wenigen Frauen im Autorennsport. Verglichen mit ihren männlichen Konkurrenten ist es für sie schwerer, Förder-, Investoren- und Sponsorengelder zu bekommen. Aber genau die sind entscheidend, will man ganz vorn mitfahren. Im Schnitt fallen in der Formel 3, in der sie seit 2018 startet, pro Saison 1,2 Millionen Euro an Kosten an. Zu ihrem Sonderstatus hat Flörsch eine klare Haltung: „Ich kann als Frau genauso gut fahren wie ein Mann“, sagt sie. „Es kommt vor allem auf Talent und Mut an.“ Alles andere seien Vorurteile, gegen Frauen und gegen Frauen in Autos. „Kein Sport kann es sich erlauben, die Hälfte der Weltbevölkerung auszuschließen.“ Daher spricht sie sich gegen einen Sonderstatus für Fahrerinnen aus. Sie will keine Quotenfrau sein und lehnt eine eigene Wertung ab. Um stattdessen den weiblichen Nachwuchs zu fördern, engagiert sie sich als Botschafterin für Dare to be Different, die Stiftung ihrer ehemaligen britischen Rennfahrerkollegin Susie Wolff. Die Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, jungen Frauen die Angst davor zu nehmen, anders zu sein, als es das gängige Rollenbild vorsieht. Auch Flörschs größtes Vorbild, Lewis Hamilton, spricht sich für mehr Diversität im Rennsport aus. So geschehen bei der Verleihung der Laureus World Sports Awards im Februar, wo sie den Preis für das Comeback des Jahres bekam.

Sophia Flörsch rennt in einem langen weißen Kleid mit dem Rücken zur Kamera auf einer Rennstrecke.

Die Sekunden nach dem Aufprall.

Nur ein gutes Jahr zuvor sah es für einen ganz kurzen Moment so aus, als wäre das Schlimmstmögliche passiert: Beim Grand Prix in Macau (China) kollidierte Flörsch mit hoher Geschwindigkeit mit einem anderen Fahrzeug und verlor die Kontrolle über ihren Boliden. Sieht man heute die Bilder, kann man fast nicht glauben, dass Sophia Flörsch und alle anderen Beteiligten überlebten. Sie erinnert sich noch gut an die Sekunden nach dem Aufprall. An den bitteren Geschmack im Mund, vom Feuerlöschschaum, der sich sofort im gesamten Cockpit ausgebreitet hatte. „Ich hatte Schmerzen, habe aber meinen Körper gespürt“, schildert sie ihre ersten Gedanken. „Daher wusste ich, dass es nicht so schlimm gewesen sein konnte.“ Wie man es nimmt: Sie erlitt mehrere Wirbelfrakturen, in einer elfstündigen Operation wurde ihr ein Stück ihres Hüftknochens in den gebrochenen Halswirbel gesetzt. Doch schon kurz darauf kündigte sie ihre baldige Rückkehr auf die Rennstrecke an. Mut, sich wieder hinters Steuer zu setzen, habe sie nie benötigt, sagt sie. „Mir war und ist immer bewusst, dass dieser Sport gefährlich sein kann und dass man auch Glück braucht.“ Was sie noch auszeichnet: Unbekümmertheit. 2019 lief sie praktisch ohne Training den Berlin-Marathon mit. Zog sich einen Knorpelschaden zu und riss sich den Meniskus an. Nein, sie schont sich nicht.

Sohpia Flörsch sitzt vor einem roten Zaun und schaut in die Kamera.

Reines Frauenteam in Le Mans.

Die nächste große Herausforderung soll das legendäre 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Nordwesten Frankreichs sein, „der Traum eines jeden Rennfahrers“, wie Flörsch sagt. Zusammen mit ihren Kolleginnen, der Formel-1-Testfahrerin Tatiana Calderón und der früheren DTM-Pilotin Katherine Legge, will sie das erste Mal im Team statt als Einzelkämpferin antreten. Mit diesem Projekt setzt sie auch ein Zeichen für mehr Diversität auf der Rennstrecke. Eine Schweizer Uhrenmanufaktur, die im Rennsport seit vielen Jahren aktiv ist, unterstützt das Team dabei. Für die kommende Zeit hat sich Sophia Flörsch selbst Geduld verordnet. Spätestens in fünf Jahren aber will sie am Ziel sein und der schnellste Mensch auf den Rennstrecken dieser Welt werden.

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