Das Digitale im Griff

30.07.2020 | Autor: Marlene Sørensen | Fotos: Jonas Holthaus 

Verena Pausder sitzt in einem Raum mit einer blauen Wand und blickt aus dem Fenster, dessen weißer Rahmen zu sehen ist. Ein paar Spielsachen sind über den Raum verteilt.
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Unternehmerin Verena Pausder engagiert sich für digitale Bildung und klärt Defizite in der Bildungspolitik.

Kaum jemand steht so sehr für das Thema digitale Bildung wie Unternehmerin Verena Pausder.

Mit Kühnheit, Entschlossenheit und der Einstellung „Wenn’s kein anderer macht, mach ich’s halt“ hat Verena Pausder vor acht Jahren Fox & Sheep ins Leben gerufen – ein Start-up, das Apps für Kinder entwickelt. Mit dem Spielzeughersteller Haba gründete sie außerdem 2016 die Haba Digitalwerkstatt, ein Bildungsangebot, das Kinder mit der digitalen Welt vertraut und auch Pädagogen für die digitale Vermittlung von Lernerfahrungen fit macht. Ende 2019 gab die Unternehmerin die Geschäftsführung ab, für die digitale Bildung kämpft sie aber weiterhin: In dem Talkformat „Hart aber fair“ im deutschen Fernsehen argumentierte sie sehr klar, was die Politik im Zuge des Homeschoolings versäumt hat – und sie startete den Hackathon #wirfürschule, bei dem rund 6.000 Teilnehmer kreative Ideen für die Schule der Zukunft entwickelten.

Wir treffen Verena Pausder in der Berliner Haba Digitalwerkstatt zwischen 3D-Drucker und blinkenden Roboteraugen zu einem Gespräch.

She’s Mercedes: Sie beschäftigen sich seit Jahren damit, wie wir die nächste Generation auf die digitale Welt vorbereiten. Was raten Sie Eltern?

Verena Pausder: Verteufeln Sie diese Welt nicht, sondern beschäftigen Sie sich mit ihr. Ein Zwölfjähriger wird eher Rat annehmen, wenn die Mutter weiß, was Minecraft ist und nicht nur nörgelt: „Leg das Tablet weg!“ Dann sieht sie auch, dass Minecraft ein Spiel ist, das die Kreativität fördern kann.

Knäuel aus kleinen blauen Kugelrobotern, Modell „Dash“ von Haba.

Sieht aus wie ein Knäuel aus neugierigen Augen und hilft tatsächlich, die Welt zu entdecken: Roboter „Dash“ in der Haba Digitalwerkstatt.

Was bedeutet denn „Digitalwerkstatt“ konkret?

Unser Ansatz ist, einen Raum zu schaffen, in dem es um Chancen und Teilhabe geht. Die Angst vor den Auswirkungen der Digitalisierung auf Kinder ist bei vielen Eltern schon groß genug. Wir wollen sie ihnen nehmen.

Wie viele Ängste bei der Erziehung, entsteht diese aus der Sorge, die Kinder nicht ausreichend beschützen zu können. Und in der Tat ist es so, dass bei immer mehr Kindern eine Computersucht diagnostiziert wird …

Natürlich müssen wir alles tun, um das zu verhindern. Und selbstverständlich müssen wir unsere Kinder vor Cyberbullying bewahren, sie dagegen stärken. Es wäre aber unfair, die eigene Angst auf die Kinder zu projizieren, denn die sind angstfrei. Und das ist doch erst mal genau richtig. Es ist wichtig, ihre Neugier zu lenken. Eine gute Balance aus Offenheit und klar gezogenen Grenzen halte ich dabei für den besten Weg. Was sollte die Schule leisten? Erstens die richtige Ausstattung bieten. Zweitens Lehrerfortbildungen auch im emotional-sozialen Bereich, um echte Unterrichtskonzepte erarbeiten zu können. In Großbritannien ist etwa nicht nur Programmieren Teil des Curriculums, sondern auch Achtsamkeit. Das Dritte ist, dass wir uns auf die Zukunftskompetenzen einigen, die unsere Kinder brauchen werden.

Welche sind das?

Resilienz, Frustrationstoleranz, Problemlösekompetenz – all das, was auch in einer volldigitalisierten Welt noch benötigt wird. Und digitale Kompetenz. Darunter verstehe ich, dass Kinder Informationen beurteilen können, aber auch gestalterische Fähigkeiten erlernen. Denn Kreativität ist nicht durch Roboter ersetzbar.

Im Silicon Valley entstand zuletzt eine Bewegung von Eltern, die sich und ihren Kindern Mediennutzung untersagen. Angestellte der großen Technologiekonzerne schicken ihre Kinder auf Waldorfschulen, wo sie an Kreidetafeln und in Baumhäusern lernen.

Wenn das gelten würde, bis die Kinder 25 sind, würde ich sagen, die haben gemerkt, dass sie etwas Schlechtes geschaffen haben, vor dem wir unsere Kinder schützen müssen. Deren Kids gehen aber nur bis zwölf auf die Waldorfschule, vielleicht auch bis 16 – und dann auf vollausgestattete Colleges. Danach warten Top-Praktika, Stanford und später gute Jobs. Aber das gilt nur für einen privilegierten Teil der Gesellschaft. Allein in Deutschland fehlen heute schon mindestens 100.000 IT-Fachkräfte, und diese Stellen wird man nicht besetzen, wenn wir Kindern nicht beibringen, an den Geräten zu lernen. Damit muss man viel früher anfangen als mit zwölf.

Wie viel früher?

Im Alter von sechs, sieben Jahren. Das ist aus meiner Sicht die einzige Lösung, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern wie auch soziale Unterschiede auszugleichen. Wenn man Mädchen in dem Alter anspricht, entwickeln sie ein ganz anderes Selbstverständnis, als wenn sie ständig hören, dass Mädchen kein Talent für Technik haben. Mädchen brauchen das Gefühl: Wir sind viele. Das fängt damit an, dass ihnen mehr zugetraut wird.

„Der Wechsel von daueronline im Büro zu komplett offline für ein paar Stunden zu Hause, das ist jedes Mal wie kalter Entzug.“

Wie halten Sie es selbst in Ihrer Familie hinsichtlich der Bildschirmzeit?

Meine Söhne sind jetzt neun und zwölf Jahre alt, meine Tochter ist noch ein Kleinkind. Wir haben festgelegt: Dienstag und Donnerstag je eine halbe Stunde Bildschirmzeit, Samstag und Sonntag je eine Stunde und am Montag, Mittwoch und Freitag gar keine.

Wie reagierten Ihre Kinder? Vermutlich nicht begeistert. 

Das durchzusetzen war ein Riesenstreitthema. „Was? So wenig? Die anderen Kinder dürfen viel mehr. Du bist doof!“ Aber als einmal klar war, dass wir nicht davon abweichen, wurde es akzeptiert. Für den Medienkonsum braucht es Regeln wie für den Straßenverkehr. Wollen wir Smartphones am Esstisch? Wenn nicht, müssen sich alle daran halten, auch der Vater, der kurz telefonieren möchte, und die Mutter, die rasch eine Mail schreiben will.

Ist Ihnen das schwergefallen?

Am Esstisch gar nicht. Aber der Wechsel von daueronline im Büro zu komplett offline für ein paar Stunden zu Hause, das ist jedes Mal wie kalter Entzug. Ich habe schon alles Mögliche versucht, um mich daran zu halten, etwa damit, dass von 18 bis 20:30 Uhr alle Apps ausgingen.

Sie haben sich zu Beginn dieses Jahres eine digitale Auszeit verordnet. Zudem haben Sie sich aus der Geschäftsführung Ihrer beiden Unternehmen zurückgezogen und sind in den Beirat der Haba Digital gewechselt. Wie ist der Wunsch nach einer Auszeit entstanden?

Ich wollte wieder das Gefühl haben, mich mit einer Sache zu beschäftigen, statt im Kopf ständig parallel zu denken. Und mir eingestehen: Es läuft auch ohne mich. Ich habe acht Jahre mit zwei Unternehmen, meinen Kindern und diversen anderen Aktivitäten hinter mir. Dabei fehlte mir Tiefe in meinem Leben. Ich wollte mal nicht aus jedem Gespräch eine To-do-Liste mitnehmen. Ich dachte mir: „Diesen Luxus gönne ich mir jetzt.“

Verena Pausder blickt in die Kamera und hält ein rundes blaues Objekt vor ein Auge.
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