Die Frau aus dem Wolkenland

03.02.2020 | Text: Christine Kruttschnitt | Fotos: Ashley Frangie, Collin Hughes, Ronan Guillou, Marsy Hild Thorsdottir, Reinaldo Cabanillas    

Yalitza Aparicio schaut nach links und stützt ihren Kopf auf ihrer linken Hand.
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Schauspielerin Yalitza Aparicio will keinen Hollywood-Glamour und tut lieber Gutes in ihrer Heimat Mexiko.

Durch Zufall bekam Yalitza Aparicio aus Oaxaca die Hauptrolle in dem Film „Roma“ – und brillierte so sehr, dass sie als erste indigene Schauspielerin für einen Oscar nominiert wurde. Aber anstatt ein glamouröses Leben in Hollywood zu führen, setzt sie sich lieber für Mexikos Ureinwohner ein.

Für eine Frau aus dem Wolkenland, denkt man, ist es doch bloß ein Katzensprung in den Olymp. Aber als Yalitza Aparicio, stolze Tochter eines mexikanischen Ureinwohners aus der Hochkultur der Mixteken, in 2019 als Oscar-Kandidatin über den roten Teppich schritt, konnte man ihr ansehen, dass ihr vom Aufstieg in den Hollywood-Himmel noch ein wenig schwindelig war. Sie hatte ihre Mutter mitgebracht, ebenfalls Nachfahrin einer indigenen Minderheit im Vielvölkerstaat Mexiko, die auf die Frage aufgedrehter Reporter, wie sie den ganzen Rummel um „Roma“ finde, nur wisperte: „Unglaublich.“

„Roma“, der Oscar-gekrönte Film, hat Yalitza Aparicio weltweit bekannt gemacht – die Story eines Dienst- und Kindermädchens in Mexiko-Stadt der 70er-Jahre. Für ihre Rolle lernte die Hauptdarstellerin, die nie zuvor vor einer Kamera gestanden hatte, die Sprache der Mixteken, der „Menschen aus dem Wolkenland“, die heute nur noch ein paar Zehntausend in Yalitzas Heimatstaat Oaxaca beherrschen. Ihre Großeltern väterlicherseits hatten Mixtekisch gesprochen, erinnert sich die 25-Jährige, die Großeltern mütterlicherseits Trique. „Wenn die Großeltern zum Essen riefen, saß ich umgehend am Tisch. Wenn sie aber etwas wollten, worauf ich keine Lust hatte, sagte ich: ‚Sprich Spanisch, Nana, ich verstehe kein Wort!‘“    

Yalitza lacht. Sie ist heiter und entspannt bei unserem Interview in Mexiko-Stadt: eine gelassene junge Frau mit rabenschwarzer Mähne, viel schmaler und selbstbewusster, als man sie von „Roma“ in Erinnerung hat. Als Magd Cleo möchte man sie fortwährend schütteln und rufen: „Lass dir doch nicht alles gefallen!“ Aber im wahren Leben strahlt Yalitza jene Seelenruhe aus, die aus ihr eine prima Lehrerin gemacht hätte.

Das wollte sie nämlich werden, als vor drei Jahren der „Roma“-Regisseur Alfonso Cuarón („Gravity“) im ganzen Land eine Cleo-Darstellerin suchte. 3.000 Frauen bewarben sich, darunter auch Yalitzas ältere Schwester Edith. Yalitzas Eltern orakelten, dieser „Casting Call“ diene in Wahrheit der Entführung junger Mädchen: Denn Filmemachen, sagt Yalitza, sei nicht „normal“ in ihrem Dorf in Oaxaca. Menschenhandel hingegen schon.

Edith war schwanger zu der Zeit und schickte Yalitza vor, die solle „einfach alles tun, was die Filmleute verlangten.“ Aus Neugier machte die angehende Lehrerin mit. Die Produzenten stellten ein paar einfache Fragen. „Beantworte alle“, hatte Edith gesagt. Glaubst du an Gott, Yalitza? Bist du gerade verliebt? Hast du Liebeskummer?

Yalitzas Geradlinigkeit, sagt Cuarón, habe ihn umgeworfen. „Sie ist so aufrichtig und bodenständig, Hollywoods Glamour lässt sie kalt.“ Da „Roma“ zu 60 Prozent nur aus Aufnahmen von Yalitzas Gesicht besteht, ist es kein Wunder, dass dieses seitdem zu den bekanntesten des Landes zählt: Die Frau mit der hinreißenden Unschuldsmiene wirbt für Shampoos, Smartphones und ein mexikanisches Filmfestival, spricht sich in Social-Media-Spots für Krebsvorsorge und gegen Gewalt an Frauen aus. Anders als die Seifenopern-Diven ihrer Heimat ist Señora Aparicio, der auf Instagram zwei Millionen Fans folgen, aber nicht nur ein Star – sondern ein Politikum. Denn seit ihrer Oscar-Nominierung und einer Titelgeschichte in der mexikanischen Vogue rückt erstmals die Vertreterin einer mexikanischen Minderheit ins Rampenlicht. Was für Yalitza nicht immer einfach ist: Die Kommentare zu ihren Vogue-Fotos fielen teils so garstig aus, dass die Redaktion sie löschte.

Und neu ist ihr diese Geringschätzung auch nicht: Lange vor ihrem Filmruhm hatte sich Yalitza in ihrer Heimatstadt Tlaxiaco als Verkäuferin beworben. Sie wurde abgelehnt wegen ihrer Hautfarbe. „Ich bin die Dunkelste in der Familie“, sagt sie und zuckt die Achseln. „Als Kind habe ich gesagt: weil ich aus Schokolade bin! Man darf sich nicht klein machen lassen.“

Sie ist stolz darauf, zum Wolkenvolk zu gehören. Und stolz darauf, mit „Roma“ eine Debatte angestoßen zu haben. Ihre eigene Mutter war so ein armes Dienstmädchen wie Cleo. Deshalb regte sich ihr Vater auch auf, als er den Film sah. Seine Tochter schrubbt die Hinterhöfe der reichen Leute! „‚Aber Papa‘, sagte ich zu ihm, ‚es ist nur ein Film.‘ Er war trotzdem wütend.“

Sie lernt gerade Englisch, unter anderem, damit sie die Skripts, die bei ihrem Manager eintrudeln, lesen kann. Die meiste Zeit verbringt sie jetzt in Mexiko-Stadt, wegen der Arbeit. Dort vermisst sie, neben ihrer Familie, das Essen in Oaxaca, besonders die Mole-Sauce ihrer Mutter.

Die Frage beim Casting, ob sie sich schon mal verliebt habe, hat sie damals verneint. So ist es bis heute geblieben. Doch sie hat ein anderes Ziel im Kopf: Sie will andere inspirieren. Zum Beispiel all die Mädchen, die dunkelhäutig sind wie sie und zum Film wollen. Oder auch Frauen, die davon träumen, Managerin zu werden, aber die männliche Konkurrenz scheuen. „Denen will ich sagen: Hey, schaut mich an, ich hab’s auch geschafft.“

Sie gehört gern zum Wolkenvolk. Aber hier auf Erden sind Frauen wie Yalitza Aparicio einfach viel besser aufgehoben. 

Das Drama „Roma“
Gedreht in Schwarz-Weiß, nominiert für zehn Oscars, Gewinner von drei Oscars: Der Film des Regisseurs Alfonso Cuarón, eine Netflix-Produktion, gilt schon jetzt als Meisterwerk.

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