Die neue Freiheit

27.01.2020 | Text Hendrik Lakeberg | Foto Rocket & Wink

Eine bunte Illustration einer Stadt, auf der verschiedene Personen und im Vordergrund ein Auto von Mercedes-Benz mit einer Reihe von Pfeilen zu sehen sind.
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Wie automatisiertes Fahren unser Leben verändern könnte.

Werden wir in Zukunft nur noch selbst fahren, wenn wir das wirklich wollen? Im ersten Teil unserer Serie zum automatisierten Fahren erklären wir, warum die Technologie zu den wichtigsten Innovationen unserer Zeit zählt. Und wie Mercedes-Benz sie mitgestaltet.

Es ist eine bahnbrechende Technologie, die unser Leben in ungekanntem Maße verändern könnte. Wir werden ihre Auswirkungen in kleinen Momenten des Alltags spüren und bei den ganz großen Themen – der Verkehrsinfrastruktur, dem Leben in der Stadt, der Wirtschaft. Die Erwartungen, ja, Hoffnungen, die mit dem automatisierten Fahren verbunden werden, sind enorm.

Und die Entwicklung ist bereits weit vorangekommen. Dass sich Autos von alleine durch die Welt manövrieren, während wir uns im Inneren zurücklehnen, um uns anderen Dingen als dem Verkehr zu widmen, wird immer mehr vorstellbar.

Digitale Transformation

Einige Hürden müssen gleichwohl noch überwunden werden – technologische, aber auch juristische Fragen der Haftung sowie Fragen der Ethik. Wie kalkuliert man zum Beispiel das mögliche Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer ein? Oder: Wie wird ein vom Computer gesteuertes Fahrzeug zu einem umsichtigen, verantwortungsbewussten Verkehrsteilnehmer?

Uwe Keller, Leiter Autonomes Fahren bei der Mercedes-Benz AG, klingt dennoch selbstbewusst, wenn er sagt: „Wir haben uns vorgenommen, die Technologie zeitnah in eine Serienreife zu überführen.“ Längst ist ein Wettbewerb entfacht, in dem Digitalunternehmen wie Google oder Apple mit traditionellen Automobilherstellern wie Mercedes-Benz konkurrieren.

Um die Entwicklung so umfassend und schnell wie möglich voranzutreiben, setzt Mercedes-Benz auf Kooperationen mit Zulieferern, aber auch mit Universitäten und sogar Mitbewerbern wie BMW. Denn das automatisierte Fahren kündet von einem grundlegenden Wandel der Mobilität: „Wir stoßen bei dem Projekt in neue Dimensionen vor, was die Softwareentwicklung angeht“, erklärt Keller.

„Man kann an unserer Arbeit am automatisierten Fahren auch die Transformation ablesen, die ein Konzern wie die Mercedes-Benz AG aktuell durchläuft. Wir sind zwar immer noch ein Unternehmen, das vom klassischen Maschinenbau geprägt ist, aber wir werden gleichzeitig immer mehr zum Softwareentwickler.“

Denn zusätzlich zu sorgfältig konstruierten und gestalteten Fahrzeugen sind digitale Technologien, Algorithmen, neuronale Netzwerke und Datensammlungen entscheidend, um das automatisierte Fahren in den Alltag zu überführen.

Eine bunte Illustration einer orangefarbenen Straße mit zwei Autos. Über den Autos schweben lesende oder an Computern arbeitende Menschen durch die Luft.

Wir werden zu Passagieren

Doch treten wir einen Schritt zurück: Was meinen wir eigentlich genau, wenn wir vom automatisierten Fahren reden? In Europa und den USA hat man sich auf sechs Stufen geeinigt. Je höher die Zahl, desto fortgeschrittener der Automatisierungsgrad des Fahrzeugs. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein selbst-fahrendes Auto in der Stadt (Level 4/5). Es wird per App bestellt, nur dass in dem Fahrzeug, das uns abholt, kein Fahrer mehr sitzt. Selbstständig steuert es durch den Verkehr, bringt uns komfortabel und bequem ans Ziel. Auf kurzen und langen Strecken.

Das Geschenk der Zeit

Nicht nur für den kurzfristigen Mobilitätsbedarf in einer fremden Stadt, auch für Privatbesitzer sind die Vorteile des automatisierten Fahrens offensichtlich: Beim Stop-and-go-Verkehr in der Stadt oder bei der Fahrt in den Urlaub müssen wir uns dann nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren. Wenn Fahrer ihren Mercedes-Benz irgendwann zukünftig in den automatisierten Modus versetzen, werden sie zu Passagieren – mit all den Optionen, die diese Rolle bietet: Wir werden bei der Autofahrt potenziell arbeiten können, die Sitze umschwenken und uns mit Freunden oder der Familie von Angesicht zu Angesicht unterhalten. Wir können möglicherweise im Internet Einkäufe erledigen, Filme schauen oder uns die besten Restaurants am Zielort heraussuchen. Und schließlich können wir vielleicht vor dem Restaurant aus dem Auto steigen und es selbstständig einen Parkplatz suchen lassen, während wir bereits das Essen bestellen.

Eines der überzeugendsten Argumente für das automatisierte Fahren ist: Es schenkt uns Zeit. Und damit ein neues Gefühl von Freiheit. Freiheit entsteht jedoch nicht nur, weil wir die Zeit während der Fahrt nach unserem Belieben gestalten können, sondern auch, weil Mobilität noch flexibler wird. 

Komplexe Aufgaben

Für alle Verkehrsteilnehmer soll die Technologie mehr Sicherheit bringen. Wenn die Fahrzeuge erst mal in der Lage sind, automatisiert zu fahren und miteinander zu kommunizieren, dann passieren weniger Unfälle – so die Erwartung. Denn die Fehlerquelle Nummer eins im Verkehr, das ist bislang leider der Mensch.

Dabei bewältigt das Gehirn des Menschen komplexe Aufgaben, zu deren Lösung auch die intelligentesten Algorithmen heute erst noch befähigt werden müssen. „Wir berechnen sehr viele Szenarien“, sagt Mercedes-Benz Experte Uwe Keller, „in denen die möglichen Entscheidungen durchgespielt werden. Was muss der Rechner in welcher Situation beachten?“

Entscheidend ist das nahtlose Zusammenspiel: wie die Sensoren am Auto die Umgebung wahrnehmen, allgemeine Verkehrsdaten, Erfahrungswerte, Faktoren wie das Wetter, die Tageszeit – die Liste ist lang. Aber die Fortschritte waren zuletzt groß. „Wenn ich mir anschaue, was heute möglich ist, dann ist das unglaublich. Vor 20 Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen“, schwärmt Uwe Keller.

Schon heute gehören Assistenzsysteme für Fahrer von Mercedes-Benz Fahrzeugen zum Alltag – und damit die Automatisierungsstufe 2. Der Aktive Park-Assistent parkt das Auto unter Aufsicht des Fahrers ein, der Aktive Stau-Assistent unterstützt bei monotonem Stop-and-go-Verkehr. Die Möglichkeiten der Serienanwendungen werden immer zahlreicher.

Eine orangefarbene Straße mit Ampel und Zebrastreifen. Mehrere Personen steigen aus einem futuristisch anmutenden Auto aus, ein Mann schiebt einen Kinderwagen.

Weltweite Entwicklung

Kein Wunder, dass die größten Konzerne der Welt enorme Summen in die Entwicklung investieren – und wie Mercedes-Benz in Deutschland, den USA, China und Indien mit den unterschiedlichsten Partnern die Technologie vorantreiben.

Es geht um höchst verschiedene Anwendungsbereiche und Erwartungen. Denn von Verkehrsregeln über kulturelle Gepflogenheiten bis hin zu den Gewohnheiten der Nutzer – die Ansprüche der Menschen sind facettenreich und sehr unterschiedlich. Dasselbe gilt auch für die Akzeptanz des automatisierten Fahrens: In vielen asiatischen Ländern zum Beispiel ist der Enthusiasmus für neue Technologien ausgeprägter als etwa in Europa.

Bei Mercedes-Benz rechnet man bereits vor Mitte der 2020er mit ersten Anwendungsbeispielen – solchen jenseits des Testbetriebs, muss man dazu sagen. Ohne Bedienung von Pedalen oder Lenkrad ist Ende 2019 der erste Feldversuch eines vollautomatisierten Fahrdienst-Services von Mercedes-Benz in San José gestartet.

Dort wird getestet, was wir oben beschrieben haben: Per App ruft der Nutzer ein Fahrzeug. Nur, dass dies selbst fährt. Allerdings noch mit einem Sicherheitsfahrer hinterm Steuer, der in Notfällen eingreifen kann, und einem Experten, der die Passagiere über die Technologie aufklärt.

Handzeichen und Augenkontakt

Genau das ist unerlässlich für eine Marke wie Mercedes-Benz, wenn es darum geht, die Innovation alltagstauglich zu machen. Was erwarten die Kunden – wir alle – von einem Auto ohne Fahrer? Brauchen wir eine Stimme, die uns willkommen heißt? Sprechen wir mit dem Fahrzeug, interagieren wir über Screens oder Buttons?

„Ein Taxifahrer von heute löst viele Situationen über Augenkontakt oder Handzeichen“, sagt Thomas Hengstermann, als Leiter Autonome Services bei der Daimler Mobility AG zuständig dafür, die Technologie in konkrete Angebote zu verwandeln. „Der Fahrer fragt den Gast vielleicht: ‚Sind Sie angeschnallt? Geht es Ihnen gut? Können wir losfahren?‘ Für uns geht es also darum: Wie können wir bei den Menschen so ein Vertrauen aufbauen, dass eine automatisierte Fahrt zu einer rundum angenehmen Erfahrung wird?“

Noch steht nicht fest, wie sich die Technologie für die Kunden je nach Anbieter anfühlen wird. Bei Mercedes-Benz strebt man natürlich nach Qualität, der bestmöglichen Sicherheit – vertraute Werte, die wir seit jeher mit der Marke verbinden. Und die auch einen automatisiert fahrenden Mercedes-Benz auszeichnen werden.

„Der Puls steigt für uns so langsam“, sagt Thomas Hengstermann. „Unser Zeitplan steht.“

DIE SECHS STUFEN DES AUTOMATISIERTEN FAHRENS

Automatisierungsstufe 0:
Das Auto wird vom Fahrer gesteuert.

Automatisierungsstufe 1:
Assistenzsysteme wie zum Beispiel der Abstandsregeltempomat DISTRONIC unterstützen den Fahrer.

Automatisierungsstufe 2:
Funktionen wie der Aktive Park-Assistent oder der Aktive Stau-Assistent ermöglichen eine Teilautomatisierung.

Automatisierungsstufe 3:
Das Fahrzeug führt Aktionen wie das Auslösen des Blinkers, Spurwechsel und Spurhalten durch. Der Fahrer wird bei Bedarf aufgefordert zu übernehmen.

Automatisierungsstufe 4:
Bei der Vollautomatisierung funktioniert der Betrieb des Fahrzeugs in bestimmten Situationen (z. B. in einem Parkhaus oder in bestimmten Stadtteilen) von selbst. Ein Fahrer ist aus technischer Sicht nicht zwingend notwendig.

Automatisierungsstufe 5:
Beim fahrerlosen Fahrzeug ist in allen Fahrsituationen kein Fahrer erforderlich. Passagiere können sich auf andere Dinge als den Verkehr konzentrieren.

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