Die Patin des Codes

05.12.2019 | Text Silvia Tyburski | Foto Prismatic Pictures, ddp images, akg-images

Ein Gemälde von Ada Lovelace in einem Kleid. Sie schaut in die Augen des Betrachters.
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Wie Ada Lovelace die Prinzipien des Software Development 100 Jahre vor dem ersten Computer entwickelte.

Es ist eine illustre Runde, die sich am 5. Juni 1833 im Haus des Mathematikers Charles Babbage trifft. Der Witwer lädt regelmäßig das Who’s who der Londoner Gesellschaft zu Soireen ein, darunter Charles Darwin und Charles Dickens. An diesem Abend sind auch Lady Byron, die geschiedene Frau des bereits verstorbenen Dichters George Gordon Byron (1788–1824), und ihre 17-jährige Tochter Ada seine Gäste. Begeistert lauscht Ada dem Hausherrn, als er von seiner Erfindung erzählt, einer aus Zahnrädern, Kupferdrähten und einer Antriebskurbel bestehenden Rechenmaschine. Mit dem technischen Fortschritt wird es für Großbritanniens Wirtschaft immer wichtiger, dass Berechnungen korrekt und schnell durchgeführt werden können.

Wohl auch deshalb hat die Regierung Babbage bei der Entwicklung seiner „Differenzmaschine“ bereits mit 17.500 Pfund unterstützt – was damals immerhin dem Wert zweier Kriegsfregatten entspricht. Die Byron-Frauen, vor allem Ada, sind von dem knapp 80 Zentimeter hohen Apparat so fasziniert, dass sie den Wissenschaftler kurz darauf erneut besuchen, damit er seine Erfindung genau erklären kann. Für die im Jahr 1815 geborene Augusta Ada Byron wird der 25 Jahre ältere Babbage fortan zum wichtigsten Mann in ihrem Leben. Sie schreiben einander. Auch nachdem Ada 1835 William King, den späteren Earl of Lovelace, heiratet und auf dessen rund 300 Kilometer entferntes Anwesen zieht, besucht sie Babbage.

Wie er ist die junge Frau fasziniert davon, was die Wissenschaft alles möglich machen könnte. Lady Byron, selbst sehr gelehrt, hat ihr eine außergewöhnliche Ausbildung ermöglicht. Erzieherischer Drill und das Studium der Mathematik, so hoffte sie, würden das gefürchtete Erbe des manischen Vaters ausmerzen, von dem sie sich getrennt hat, als das Mädchen kaum einen Monat alt war. Dass Ada Byron als Zwölfjährige die Anatomie von Vögeln studiert, um eine Flugmaschine zu bauen, findet die Mutter zwar unpassend, gleichzeitig stellt sie hoch bezahlte Hauslehrer ein.

Ein Gemälde von Lord Byron, der seinen Kopf auf seinen rechten Arm abstützt und auf die linke Seite blickt.

Das Privatstudium ist für die begabte Frau die einzige Leidenschaft, die die Mutter ihr gestattet. „Nur die genaue und intensive Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen (...) hilft mir, die Leere zu füllen, die in meinem Geist herrscht, weil es mir an Aufregung fehlt“, schreibt sie als 19-Jährige. Selbst nach ihrer Hochzeit und trotz der drei Kinder, die sie bald darauf zur Welt bringt, nimmt die Gräfin weiter Unterricht, was zur damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Die Freundschaft mit Babbage ist für sie auch deshalb so zentral, weil ihr Ehemann ihr intellektuell nicht gerade ebenbürtig ist. Um Ada Zugang zu weiterem Wissen zu ermöglichen, tritt er für sie in die Royal Society ein.

Ada Lovelace bittet Babbage eindringlich, sie in seine Forschung einzubinden. Nur wenige können wie sie erfassen, welche Bedeutung sein Lebenswerk und ihr Anteil daran einmal haben werden. Babbage tüftelt inzwischen, inspiriert durch den mechanischen Webstuhl von Joseph-Marie Jacquard (1752–1834), der mithilfe von Lochkarten komplexe Muster weben kann, an einem neuen Apparat: der Analytischen Maschine. So wie die Muster in den Stoffen soll die Analytische Maschine (die Babbage nie fertig bauen wird) noch kompliziertere und immer wieder neue Rechenoperationen bewältigen, deren „Muster“ auf den Lochkarten eingestanzt sind. Ada Lovelace erkennt sehr früh das Potenzial der Maschine, die auch Musikstücke, Buchstaben und Bilder hervorbringen kann.

Ein Gemälde von Ada Lovelace in einem hellen Kleid, sie blickt nach rechts.

Dass sie sich mit der Materie inzwischen sehr gut auskennt, zeigt sich vor allem in ihren ergänzenden Kommentaren zu einem Aufsatz, den der italienische Ingenieur Luigi Menabrea auf Babbages Betreiben hin 1842 über die Analytische Maschine geschrieben hat. Babbage braucht mehr Geld, um weiterarbeiten zu können, und hofft, dass diese Publikation die Regierung dazu bringt, ihn erneut zu finanzieren. Der Aufsatz erscheint 1842 auf Französisch in einem Schweizer Wissenschaftsjournal. Als Lovelace ihn ins Englische übersetzt, ist Babbage sehr darüber erfreut und schlägt ihr vor, einen eigenen Text hinzuzufügen. Das tut sie. Durch ihre Erläuterungen und Berechnungen wird die Übersetzung fast dreimal so lang wie das Original. In ihren Anmerkungen unterscheidet sie klar zwischen Daten und deren Verarbeitung. Vor allem aber beschreibt und berechnet sie diesen Prozess, der durch die Lochkarten definiert wird, und entwirft so die Software der Maschine – also das erste Computerprogramm.

1843 ist ein Jahr der intellektuellen Erfüllung für die 28-Jährige. Vielleicht hofft sie sogar, die Übersetzung könnte der Beginn einer wissenschaftlichen Karriere sein. Davon beflügelt schreibt sie an Babbage: „Mein Gehirn ist mehr als sterblich, die Zeit wird das zeigen. (...) Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn ich dem Universum nicht in weniger als zehn Jahren noch einige Geheimnisse entlocken kann.“

Doch dazu kommt es nicht mehr: Ada Lovelace stirbt schon im Alter von 36 Jahren an Gebärmutterhalskrebs. Erst etwa 100 Jahre später entdecken Computerpioniere die Arbeit des ungewöhnlichen Mathematiker-Duos wieder und erkennen, wie weit vor allem Lovelace ihrer Zeit voraus war. Zu ihren heutigen Bewunderern zählt niemand Geringeres als Königin Elizabeth II. Dass sie im März 2019 ihren ersten Instagram-Post vom Londoner Science Museum aus veröffentlichen konnte, ist auch der Leistung von Ada Lovelace zu verdanken, die die 93-jährige Monarchin in ihrem Post ausdrücklich erwähnt. Sie freue sich über die Initiative des Museums, Kindern das Programmieren beizubringen, schrieb die Queen. Es sei Inspiration für die nächste Erfinder-Generation.

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