Die Zukunft? Bewegend!

01.12.2020 | Autor: Roxana Wellbrock | Fotos: Rocket & Wink

Eine Illustration von einem Zebrastreifen mit drei Fahrradfahrern und einem Mercedes-Benz Fahrzeug, die auf der Straße fahren.
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Autos, die sich selbst navigieren, und Busse, die wie Büros aussehen? Manuela Papadopol, Marianne Reeb und Pia Simon erzählen von ihrer Arbeit und der Zukunft der Mobilität.

Wie wird die Zukunft der Mobilität aussehen? Manuela Papadopol (CEO und Mitbegründerin des Start-up-Unternehmens Designated Driver, das Software zur Steuerung von autonomen Autos entwickelt), Marianne Reeb (Leiterin der Trend- und Zukunftsforschung der Mercedes-Benz AG) und Pia Simon (Direktorin Integrity Management & Corporate Responsibility der Daimler AG) sprechen über verschiedene Aspekte ihrer Arbeit und geben uns Einblicke in die Zukunft.

Stellen Sie sich bitte eine Metropole im Jahr 2040 vor: Wie kommen die Menschen dann von A nach B?

Marianne Reeb: Natürlich wissen wir von der Mercedes-Benz AG nicht genau, wie die Zukunft sein wird, aber wir können ein plausibles Bild entwerfen. Wir gehen davon aus, dass Autos in der Stadt der Zukunft autonom fahren und mit der Umwelt vernetzt sein werden. Die Technologie ermöglicht es, dass die Verkehrswege von allen Teilnehmern gemeinsam und sicher genutzt werden können.

Manuela Papadopol: Wahrscheinlich wird es mehr busähnliche Shuttles geben. Einige Städte wie London und Paris schränken bereits den Zugang von Autos in der Innenstadt ein.

MR: Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse werden tatsächlich eine größere Rolle spielen. Daneben wird autonome Mobilität auf Abruf den Alltag bestimmen.

Inwieweit wirkt sich das auf die Infrastruktur in Städten aus?

MR: Damit Busse und Bahnen mehr genutzt werden, brauchen wir bessere Umstiegsmöglichkeiten. Warum Menschen heute noch mit dem Auto fahren, hat ja einen Grund: Der Übergang von einem Verkehrsmittel zum nächsten ist meist unbequem. Ich muss oft weite Strecken gehen, mehrmals umsteigen und vielleicht noch durch den Regen rennen, bevor ich endlich irgendwo ankomme. Wenn wir alles näher zusammenbringen, könnten wir diese Art der Fortbewegung attraktiver machen. Dafür könnte es im Jahr 2040 Mobility Hubs geben – Orte oder Zonen, an denen der Übergang von einem Verkehrsmittel zum anderen nahtlos funktioniert.

Also stehen dann überall kleine Wartehäuschen?

MR: Nicht überall. Nur da, wo viele Leute ankommen und umsteigen wollen. Eine Alternative, da alles miteinander vernetzt sein wird: Ich kann mir einen Bus dahin bestellen, wo ich ihn brauche.

MP: Auch Mikromobilität wird für die Städte immer wichtiger, E-Scooter, E-Bikes, Lastenräder – das zeichnet sich ja heute schon ab. Aber das Nebeneinander der verschiedenen Fahrzeuge klappt nur, wenn es für jeden eine eigene Spur gibt. Wenn also ganz klar ist, wer wo mit welchem Verkehrsmittel fahren kann. In einigen skandinavischen Ländern wurden auf den Bürgersteigen sogar schon Spuren für Menschen eingerichtet, die beim Gehen ihr Smartphone benutzen. Ich finde, das ist eine gute Idee. Diese Leute sind sonst ein Hindernis für andere, vielleicht würden sie sogar in entgegenkommende Menschen hineinlaufen. Wenn Mikromobilität auf so eine clevere Art gesteuert wird, kann sie für stauärmere Innenstädte sorgen. Und im Übrigen auch für weniger Unfälle.

Eine Illustration von Fußgängern und einem Mercedes-Benz Fahrzeug, das vor ihnen hält.

Das bedeutet mehr Sicherheit im Straßenverkehr, besonders für ältere Menschen und Kinder. Werden in 20 Jahren Eltern ihre Kinder noch selbst morgens in die Schule bringen?

MR: Es könnte dafür Shuttledienste geben, die die Kinder zu Hause abholen und zur Schule bringen. Dieser Shuttle müsste auch nicht jeden Tag neu bestellt werden, weil er über einen digitalen Assistenten den Stundenplan der Kinder kennt. Mich als Elternteil würde dann ein autonomes Fahrzeug abholen und zum nächsten öffentlichen Transportmittel bringen. Nachmittags kann es sein, dass ich selbst Lust habe, Auto zu fahren. In Zukunft müssen wir uns also nicht mehr auf ein Verkehrsmittel festlegen. Ich kann mir auch eine Bestellung direkt zu dem Auto liefern lassen, das mich am Nachmittag nach Hause bringt. Das ist das Gute an den neuen mobilen Möglichkeiten: Sie verschaffen uns mehr Zeit.

Frau Simon, Sie beschäftigen sich auf ganz andere Weise mit der Zukunft der Mobilität. Sie sind zuständig für die Bereiche Integrity Management und Corporate Responsibility bei der Daimler AG. Woran denken Sie beim Stichwort „automatisiertes Fahren“ zuerst?

Pia Simon: An unsere Verantwortung – und an das Vertrauen unserer Kunden. Sicherheit stand bei der Daimler AG schon immer an erster Stelle und das Vertrauen in unsere Marken wollen wir auch bei neuen Technologien aufrechterhalten. Ein Beispiel dafür sind unsere Prinzipien für die verantwortungsvolle Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz. Schon frühzeitig legen wir damit fest, wie wir mit neuen Technologien umgehen und unter welchen Bedingungen wir sie nutzen wollen.

MP: Die gesellschaftliche Ebene ist nicht zu unterschätzen. Wir müssen da Vertrauen in die neuen Technologien aufbauen.

Mit der neuen Mobilität wird das Thema Integrität gesellschaftlich noch relevanter. Wie gehen Sie im Unternehmen damit um?

PS: Für uns in einem globalen Automobilkonzern bedeutet Integrität, Regeln und Gesetze einzuhalten, nach unseren Unternehmenswerten zu handeln und dabei auch auf unseren inneren Kompass zu hören. Um Integrität in die tägliche Arbeit einzubeziehen, muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden. Das erreichen wir durch Dialog mit und in den Bereichen, regelmäßige Kommunikation und Trainings. Es geht um ein gemeinsames Verständnis und um den Austausch, gerade in Situationen, in denen man nicht gleich erkennen kann, was das Richtige ist.

Wie erreicht man das?

PS: Integrität muss von allen gelebt werden, sie lässt sich nicht verordnen. Eine integre Unternehmenskultur erfordert deshalb kontinuierlichen Einsatz. Wichtig ist zudem Verständnis füreinander. Falls doch einmal Fehler geschehen, lernt man daraus.

MP: Diese Herangehensweise gefällt mir: Verständnis zu haben. Der Wandel ist so tiefgreifend, dass wir einen Schritt nach dem anderen gehen sollten.

PS: Man muss die Menschen mitnehmen und ihnen Zeit geben, sich an Neues zu gewöhnen.

MP: Wie lange hat es gedauert, bis Smartphones Teil unseres Alltags waren! Heute sind sie nicht mehr wegzudenken. Ich glaube, mit den neuen mobilen Möglichkeiten wird es ähnlich sein. Wir können von niemandem erwarten, dass er automatisiertes Fahren von heute auf morgen versteht. Dass er sich nichts Besseres vorstellen kann und gespannt drauf wartet, so funktioniert das nicht.

Wie sollte es stattdessen laufen?

MP: Wir erleben eine Evolution des Transports und durch die Optimierung der Software werden wir in der Lage sein, für alle Passagiere persönliche Erfahrungen zu entwickeln. Automatisiertes Fahren hat viel mit Software zu tun, aber sie ist schwer zu verstehen. Wie können wir also diejenigen abholen, die bisher nichts damit zu tun hatten?

PS: Die ethische Auseinandersetzung mit Zukunftsthemen wie Big Data ist sehr wichtig.

MP: Wir arbeiten bei Designated Driver mit Vertrautem. Ein Beispiel: In Texas haben wir Shuttles, die bis zu einem gewissen Grad automatisiert fahren, mithilfe von Sensoren und Kameras. Es gibt keinen Fahrer, nur ein Lenkrad, das sich bewegt. Aber trotzdem werden die Menschen vom System begrüßt, wenn sie einsteigen. Vielen wird das wahrscheinlich den Übergang erleichtern. Was sie im Shuttle sehen, erinnert an das, was sie schon kennen: an ein Auto. Theoretisch könnte der Innenraum auch wie ein Spielzimmer oder ein Büro aussehen. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Das Großartige ist: Wir können alle miteinander träumen, was die neue Mobilität für uns sein kann.

MR: Für die Städte ergeben sich tolle Lösungen für langjährige Probleme. Nicht nur, was Staus und Parkplatzmangel betrifft, auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit. Was macht die Stadt von morgen lebenswert? Ein Schlüsselaspekt wird die gemeinsame Nutzung von Räumen sein. Das betrifft nicht nur die Bereiche Wohnen und Arbeiten, sondern vor allem die Mobilität.

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