Eine echte Alphafrau

27.08.2020 | Autor: Silvia Ihring | Fotos: Ida John

Lauren Simmons sitzt in einem Raum mit dunklen Wänden und braunen Möbeln und schaut leicht nach links.
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Wie Lauren Simmons ihre eigene Strategie zum Erfolg aufgebaut hat.

Lauren Simmons kann mit Stereotypen wenig anfangen. Schließlich hat sie selbst eines widerlegt. Als junge Afroamerikanerin mit Vorliebe für farbenfrohe Kleidung entspricht sie so gar nicht dem Klischee des Finanzexperten mit Aktentasche und Anzug. Zwei Jahre lang, von 2017 bis Ende 2018, arbeitete sie erfolgreich als einzige weibliche Börsenmaklerin an der New York Stock Exchange (NYSE). Mit 22 war sie hier die jüngste Frau überhaupt und erst die zweite Afroamerikanerin in der Geschichte der Wall Street. Lauren Simmons, heute 25 Jahre alt, musste sich den Respekt in ihrer Branche besonders hart erkämpfen, denn sie brachte keinerlei Erfahrung in der Finanzwelt mit. Über 100 Firmen hatte die hartnäckige Amerikanerin angeschrieben, bis sie eine Stelle als Traderin bei dem Unternehmen Rosenblatt Securities ergatterte. Inzwischen arbeitet Lauren Simmons nicht mehr an der Börse, sondern ist als Speakerin und Finanzexpertin weltweit tätig, um andere Frauen zu ermutigen, sich mit dem Thema Geld zu beschäftigen und nach ihren Traumjobs zu streben. Diese Botschaft ist auch Teil eines Films, der gerade über sie und ihre noch junge, aber ungewöhnliche Karriere gedreht wird – und an dem sie sich als führende Produzentin beteiligt. Der Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest.

Frau Simmons, was begeistert Sie so sehr an der Finanzwelt?

Ursprünglich habe ich Genetik und Statistik studiert, aber diese Bereiche fand ich technologisch nicht fortschrittlich genug. Ich liebe Zahlen und daher war ich nach meinem Studium offen für alles, was mit Finanzen zusammenhängt. Das Thema Geld bildet das Fundament so vieler Dinge, ob im Leben oder im Geschäft. Deswegen sollte man keine Angst davor haben. Wer sich mit Finanzfragen auskennt und selbstbewusst damit umgeht, ist stark. Kapital macht uns unabhängig und deswegen sollten wir uns damit auseinandersetzen.

Als Sie sich 2017 als Traderin bewarben, hatten Sie keine Ahnung vom Handel mit Wertpapieren. Waren Sie nicht unsicher beim Antritt dieser Stelle?

Absolut. Ich machte mir Druck, wollte alle Informa­tionen schnell aufsaugen und jeden Kritiker eines Besseren belehren. Morgens um 5.30 Uhr saß ich bereits vor dem Computer, um so viel wie möglich zu recherchieren, bevor der Aktienmarkt um 9.30 Uhr öffnete. Inzwischen habe ich aber gelernt, dass man nicht so tun sollte, als wüsste man alles. Fragen sind legitim und auch wichtig.

Ein Bild der New Yorker Börse. In der Mitte des Bildes stehen Menschen in einer Menschenmenge, umgeben von kreisförmig angeordneten Monitoren.

Wie kann man den Umgang mit Geld lernen, wenn einem die Finanzwelt fremd ist?

Ich empfehle, einfach das Internet zu nutzen und loszulegen mit der Recherche. Machen Sie sich über Podcasts, YouTube­-Videos und Bücher schlau. Mein Wissen habe ich mir komplett auf dem Börsenparkett angeeignet, über Plattformen wie CNBC und das Online-­Börsenmarkt­-Portal MarketWatch und durch interne Informationen, die an Händler herausgegeben wurden. Das Gute an unserer Zeit ist, dass wir Zugang zu allen möglichen Informationen haben.

Sie sind von null direkt auf 100 gesprungen – das war sehr mutig.

So viele haben an mir gezweifelt. Aber man kennt sich selbst am besten. Und wenn man sich ver­traut, ist alles möglich. Ein hohes Risiko bringt eine hohe Rendite, wie man in der Finanzbranche sagt. Das größte Wagnis, das ich jemals eingegangen bin, war, von Georgia nach New York zu ziehen, ohne Aussichten auf einen Job. Ich habe über 100 Men­schen auf LinkedIn angeschrieben, bekam immer nur Absagen – wegen meiner fehlenden Finanzkenntnisse oder auch, weil ich meinen Abschluss nicht an einer Ivy-League­-Universität gemacht habe.

Extremer Stress gehört an der Börse zum Alltag. Wie sind Sie damit klargekommen?

Ich meditiere regelmäßig und führe ein Dankbarkeits­-Tagebuch. Und bevor ich mich selbst kritisiere, lasse ich mir lieber ein Lob einfallen. Es geht letztlich darum, dass man eine positive Einstellung zu sich selbst bewahrt. Sich immer wieder zu motivieren ist allerdings nicht immer einfach.

Warum trauen sich so wenige Frauen in die Finanzwelt?

Tatsächlich bewerben sich kaum Frauen auf Stellen als Börsenmaklerinnen an der New York Stock Exchange. Der Typ Mensch, der auf dem Parkett arbeitet, ist definitiv ein Alphatier. Diese Mentalität schreckt viele ab.

Hatten Sie je das Gefühl, sich verändern zu müssen, um sich auf dem Parkett durchzusetzen?

Allein unter Männern zu sein bin ich gewohnt. Ich habe schon in der Highschool Kurse für Gebäudetechnik belegt und gehörte irgendwie von jeher zu einer weiblichen Minderheit. Man kann die Dinge auf seine Weise tun und trotzdem erfolgreich sein. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Ich wollte nicht männliche Verhaltensweisen imitieren, wollte nicht kühl wirken. Als ich meinen Job als Börsenhändlerin antrat, war ich weiterhin charmant und riss Witze, kurz gesagt: Ich blieb einfach ich selbst. Mit dieser Strategie bin ich bisher gut gefahren.

Ein Porträt von Lauren Simmons, die direkt in die Kamera schaut.

Wie kann Ihre Generation der Millennials bestehende Gender-Klischees in der Arbeitswelt verändern?

Junge Frauen, und auch junge Männer, halten tatsäch­lich immer weniger an den geltenden Ordnungen fest. Sie erkennen, dass sie selbst die Macht haben, Dinge nach ihren Wünschen zu gestalten. Wir warten nicht darauf, dass man uns Chancen gibt, wir schaffen sie uns selbst – und so auch Veränderung.

Hatten Sie einen Mentor?

Richard Rosenblatt, der CEO von Rosenblatt Securities, hat mir immer beigestanden. Vor meinem ersten Arbeitstag sagte er zu mir: „Lass uns gleich den Elefanten im Raum ansprechen.“ Ich sei eine Frau, ich sei Schwarz, und das werde nun mal auffallen. Aber er sagte mir auch, dass ich mich nicht zu sehr darauf fokussieren solle. Falls jemals etwas passieren würde, stünde die Firma an meiner Seite. Rosenblatt hat mir beigebracht, dass ich meine Position zu meinem Vorteil nutzen soll. Wenn ich mehr im Mittelpunkt stehe, kann ich besser zeigen, was in mir steckt.

Sie bekamen also Rückendeckung ...

Ja. Aber ich wurde auch schon von Kollegen anders behandelt. Vor allem, bevor ich das sogenannte Series-­9/10­-Examen bestand. Diesen Test aus 200 Multiple­-Choice­Fragen muss jeder Anwärter, der eine Trader-Lizenz erwerben will, schaffen. Stän­dig bekam ich zu hören, dass 80 Prozent der Kandi­daten scheitern. Als ich ihn dann bestand, waren alle geschockt. Doch von da an gehörte ich zum Team, wurde voll akzeptiert und in alles eingebunden. Leistung ist eben die beste Waffe.

Woher kommt Ihre Gelassenheit?

Von meiner Mutter. Sie marschierte immer furchtlos durchs Leben. Obwohl sie alleinerziehend war, ist sie Risiken eingegangen und hat mir beigebracht, mich von niemandem einschüchtern zu lassen. Es war toll, ihr damals erzählen zu können, dass ich die einzige Frau an der New York Stock Exchange bin. Doch dass man meine Geschichte als inspirierend empfinden könnte, habe ich nicht geahnt.

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