Ewiger Wandel

18.08.2020 | Autor: Stefanie Pichlmair | Foto: Javier Pardina

Zwei Fallschirmspringer, die sich mit einem rot-gelben Fallschirm in der Luft befinden. Im Hintergrund: ein klarer Himmel.
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Es ist nur eines sicher: Nichts bleibt so, wie es ist. Ist das nicht schön? Eine Ode an den Fortschritt.

Die Zukunft gehört den Mutigen. Deshalb sollten wir uns von turbulenten Zeiten nicht verunsichern lassen. Wenn sich unser Alltag schon verändert – warum nicht für ein paar Dinge kämpfen, die wir sowieso gerne anders hätten?

Wir Menschen hängen oft an dem, was wir kennen. Ja, Veränderung finden wir grundsätzlich gut, aber nur, wenn sie nicht zu anstrengend ist. Wenn sie wehtut – dann lieber so weitermachen wie bisher. Dabei ist Veränderung ein wundervolles und aufregendes Konzept. Es ist die Chance auf eine bessere Welt. Gerade wir Frauen könnten eine bessere Welt gut gebrauchen. Zum Beispiel eine, in der gerecht bezahlt wird. Deshalb sollten wir keine Angst vor Veränderung haben und auch in Krisenzeiten nicht damit aufhören, das Bestehende zu hinterfragen.

Veränderung als evolutionäres Konzept

In seiner Evolutionstheorie „On the Origin of Species“ schrieb Charles Darwin schon 1859, dass Lebewesen, die sich am schnellsten mit einer neuen Situation arrangieren können, die besten Überlebenschancen haben. Darwin hat das „survival of the fittest“ genannt. Die amerikanische Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron vertrat einen ähnlichen Standpunkt: „Seien Sie die Heldin Ihres Lebens, nicht das Opfer.“ Heute geht es zwar nicht mehr ums bloße Überleben, aber auch in unserer Zeit profitiert, wer Veränderungen besonders schnell erkennt. Fragen Sie nur die Co-Gründerin der Dating-App Bumble, Whitney Wolfe Herd, die gemerkt hat, dass Frauen ein anderes Dating-Verhalten zeigen als Männer, und mit der Entwicklung der passenden App dafür zu einigem Wohlstand gekommen ist.

Doch weil sich punktuell oft wenig verändert, verstehen wir nicht unbedingt, wozu kleine Einzelschritte gut sein sollen. Sie ergeben erst später Sinn, wenn sie zu einem großen Ganzen zusammenwirken. Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond, aber er konnte nur deshalb in den Mondstaub treten, weil jemand, nennen wir ihn Terence, das Dichtungsmaterial für die Nähte von Armstrongs Raumanzug erfunden hat. Ohne Terence hätte es Neil Armstrong beim Öffnen der Raumkapsel in sehr viele sehr kleine Teilchen zerrissen.

Letztlich dreht sich alles um eine Frage: Werden wir etwas anstoßen, das die Welt verbessert, oder geben wir auf?

Wir wissen im Vorfeld nie, ob wir mit unseren Ideen jemanden auf den Mond bringen oder vor einem Haufen Dichtungen auf dem Küchenboden sitzen werden, und deshalb haben wir Angst, es überhaupt zu versuchen. Denn das Letzte, was wir wollen, ist, unsere Situation zu verschlechtern. Wir finden den Status quo zwar vielleicht nicht toll, aber immerhin ist er vertraut und wir machen uns nicht lächerlich. Wir müssen aber lernen, dass wir Fortschritt nicht ohne Risiken bekommen und dass die richtig Erfolgreichen immer auch ein bisschen zocken.

Wir sollten aufhören, nur zu beobachten, und selbst anpacken. Die ehemalige First Lady der USA Michelle Obama formulierte es so: „Trefft Entscheidung danach, was in Zukunft passieren soll. Und nicht danach, was nicht passieren soll.“ Letztlich dreht sich alles um eine Frage: Werden wir etwas anstoßen, das die Welt verbessert, oder geben wir auf?

Veränderung fängt bei uns selber an

Alles kann der Beginn von Veränderung sein. Zum Beispiel eine Braut, die sich weigert, ihre Single-Freundinnen mit einem Strauß Schnittblumen zu bewerfen, weil sie sich fragt, welchen Mehrwert das eigentlich für ihre Freundinnen bietet. Genauso wir, wenn wir verstehen, dass wir mit Erwartungen und Traditionen leben – und dass das alles verhandelbar ist. Wenn wir Dinge hinterfragen, finden wir heraus, dass wir es ganz oft auch ganz anders machen könnten.

Wandel und Frauenrolle

Aber klar ist auch: Nicht alles, was neu ist, ist gut und nicht alles Alte muss modernisiert werden. Wer verstehen will, ob eine Veränderung sinnvoll ist oder nicht, muss sich informieren. Sonst wird nicht der oder die mit den besseren Argumenten überzeugen, sondern wer am lautesten schreit.

2011 führte Saudi-Arabien als letzte von der internationalen Gemeinschaft anerkannte Nation das Frauenwahlrecht ein. Damit sind alle Frauen weltweit wahlberechtigt. Doch Wahlrecht ist nur der Anfang: Im Jahr 1949 wurde der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in das deutsche Grundgesetz aufgenommen. Danach dauerte es allerdings noch 13 Jahre, bis Frauen ein eigenes Bankkonto eröffnen durften, ohne vorher ihren Ehemann um Erlaubnis fragen zu müssen. Und bis 1977 waren Frauen sogar noch gesetzlich dazu verpflichtet, den Haushalt zu führen. Man sollte meinen, diese Zeiten hätten wir hinter uns gelassen. Doch eine Studie der deutschen Soziologin und Vorsitzenden des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Prof. Jutta Allmendinger zeigt, dass während des Covid-19-bedingten Lockdowns 75 Prozent der Kinderbetreuung Frauen übernommen haben – auch voll berufstätige Frauen, die in Beziehungen leben. Das ist weit entfernt von Gleichberechtigung.

Veränderung als Revolution

Damit wir zukünftig essenzielle Arbeit nachhaltiger wertschätzen, brauchen wir eine Care-Revolution. Wie können wir aus systemrelevanten Berufen gut bezahlte Berufe machen? Wir müssen uns fragen, wie viel uns diese Arbeit als Gesellschaft wert ist. Arbeit, die einiges an fachlichen, persönlichen und psychologischen Fähigkeiten erfordert. Würden wir uns mehr an der tatsächlichen Leistung orientieren, wären Berufe wie ErzieherIn oder Krankenschwester bald deutlich besser bezahlt. Vielleicht würden dann mehr junge Menschen diese Berufe erlernen wollen, gleich welchen Geschlechts – und das wäre doch mal ein ordentlicher Sieg über die Krise.

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