Hinein in neue Welten

29.12.2020 | Autor: Verena Richter

Illustration einer abstrakten Szene mit zentriertem Lichtstrahl und grauem Hintergrund.

Foto: Martha Fiennes

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Fünf Expertinnen erzählen, was sie an KI so fasziniert – und wo die Chancen liegen.

Künstliche Intelligenz bezeichnet unter anderem die Fähigkeit von Maschinen, selbstständig zu lernen. Die neue Technologie vermag bereits Filme zu erstellen, menschliche Gefühle zu erkennen und Autos automatisiert fahren zu lassen. Wir erhalten Einblick in unterschiedliche Arbeitsbereiche, die sich mit KI beschäftigen.

„Die KI, mit der ich arbeite, ist definitiv weiblich.“

Martha Fiennes, 56, ist preisgekrönte Regisseurin und hat einen Film kreiert, der durch künstliche Intelligenz immer wieder neu zusammengesetzt wird.

Porträt von Martha Fiennes, die nach oben ins Licht schaut.

Foto: Anthony D’Angio/Kiss the frog

Säulen schieben sich ineinander, fallen zusammen und bilden neue Formen. Es ist, als blicke man durch ein Kaleidoskop auf die Welt, ein Rätsel, das sich immer neu anordnet. „Yugen“ lautet der Titel des Films – oder vielmehr: des Bewegtbild-Kunstwerks – von Martha Fiennes und steht im Japanischen für innere Schönheit. Es geht um Geburt und Tod, um Licht und Schatten. Die britische Regisseurin hat alle Szenen selbst gefilmt, aber zusammengefügt werden sie von einer künstlichen Intelligenz. Und zwar bei jeder Vorstellung anders. Zufällig? „Was ist schon zufällig?“, will Martha wissen. „Schon immer haben Menschen in scheinbar beliebigen Formationen einen tieferen Sinn gesehen, sie als Weissagungen gedeutet.“ Deshalb ist die Künstlerin vor jeder Vorführung des Kunstwerks gespannt, was die KI diesmal präsentieren wird: „Man weiß nie, nun ja, in welcher Stimmung sie ist.“ Sie? „Ja, die KI, mit der ich arbeite, ist definitiv weiblich“, sagt Martha Fiennes. Ihre unsichtbare Kollegin wiederhole sich nie, das mache das Kunstwerk so lebendig, ja, magisch. Technik als spiritueller Weg – eine ungewöhnliche Idee. Nicht für eine Frau mit Marthas Background. Die Schwester der Schauspieler Ralph und Joseph Fiennes hat schon Kinofilme und Musikvideos gedreht, Preise gewonnen. „Außerdem ist mein Sternzeichen Wassermann“, sagt die Künstlerin mit einem Lachen. „Wir verschieben gerne Grenzen.“

„Wer sich nicht einmischt, kann nicht mitgestalten.“

Aya Jaff, 24, Programmiererin und Speakerin, klärt in ihren Vorträgen über KI auf und baut Ängste vor der Digitalisierung ab.

Porträt von Aya Jaff in einem fliederfarbigen Anzug.

Foto: Kathrin Makowski

Was sie als Teenager nervte? Morgens aus dem Bett zu springen, zur Schule zu hetzen – und dann zu erfahren, dass die erste Stunde ausfällt und sie länger hätte schlafen können. Als Lösung wollte Aya Jaff eine App entwickeln, die Bescheid gibt, ob man sich noch einmal im Bett umdrehen kann. Die damals 15-jährige Nürnbergerin entwickelte einen Businessplan, bewarb sich bei einer Jugendstiftung – und erhielt 400 Euro Preisgeld. Zu wenig, um den Programmierer zu bezahlen. „Deshalb gründete ich einen Klub, in dem man uns ehrenamtlich beibrachte zu coden.“ Aus der Freistunden-App wurde trotzdem nichts, stattdessen arbeitete Aya Jaff an „Tradity“ mit, einem Computer-Börsenspiel, dass sie später zu ihrem Buch „Moneymakers“ inspirierte. Inzwischen hat es die im Irak geborene Informatikerin und Autorin auf die Liste „30 under 30“ des US-Magazins „Forbes“ geschafft. Das größte gesellschaftliche Risiko sieht sie in der Ablehnung einer digitalen Zukunft. Denn: „Wer sich nicht einmischt, kann nicht mitgestalten.“ Verantwortung anzunehmen, dazu motiviert Aya Jaff in ihren Vorträgen. Sie ist oft unterwegs, um über Technologien aufzuklären und Ängste abzubauen: „Algorithmen entwickeln sich auf Grundlage der Daten, die wir ihnen geben. Nur wenn die fair und vorurteilsfrei sind, kann künstliche Intelligenz zu einer Welt beitragen, in der wir alle gleichberechtigt sind.“

„Das Programm merkt, wenn ein Fahrer müde ist.“

Rana el Kaliouby, 42, ist CEO und Mitgründerin von Affectiva, einer Firma die Software entwickelt, die Gefühle erkennt.

Porträt von Rana el Kaliouby in einem lila Stuhl vor blauem Hintergrund.

Foto: Privat

Schuld an allem war ihre Fernbeziehung: Cambridge–Kairo. Damals verbrachte die Informatikstudentin viel Zeit vor ihrem Laptop. „Wenn ich mit meinem Freund chattete, hatte ich den Eindruck, meine Gefühle verschwänden im Cyberspace“, erinnert sich Rana el Kaliouby. „Oft dachte ich, wie schön wäre es, wenn der Computer spürte, wie es mir geht. Wenn er sagen würde: ,Rana, du siehst traurig aus, ich spiele Musik für dich.‘“ Sie verfolgte die Idee weiter. Die Zusammenarbeit mit einem Autismusforscher brachte die Ägypterin auf den richtigen Weg: „Er hatte schon ein Datenset von mehr als 400 Emotionen, um den Menschen, die Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation haben, Gefühle zu erklären.“ Heute ist Rana Gründerin von Affectiva, einer Firma in Boston, die Software für Emotionserkennung entwickelt. Dafür erhält der Rechner Zugriff auf Millionen Bilder von Menschen, die lachen, weinen oder wütend sind. „Je unterschiedlicher die Personen, desto besser“, erklärt Rana. Nur so entwickelt der Computer keine Vorurteile und kann jede Mimik einordnen. Einsetzbar ist Affectiva beim selbstfahrenden Auto: „Das Programm merkt, wenn ein Fahrer müde ist.“ Oder im Gesundheitswesen: „Ein Arzt kann nicht jeden seiner Patienten besuchen. Aber ein Roboter könnte den Kranken beobachten und im Notfall Hilfe rufen.“

„Schon als Achtjährige habe ich mich für Stammzellen interessiert.“

Gracelyn Shi, 16, Programmiererin und Forscherin, begeistert sich für die Chancen – und die Grenzen – der KI.

Porträt von Gracelyn Shi in einem weißen Kleid.

Foto: Privat

In mancher Hinsicht lebt Gracelyn Shi das Leben eines typischen Teenagers: Sie schminkt sich gern, geht shoppen und trifft sich mit Freunden. Den Rest der Zeit verbringt die 16-Jährige aus Toronto vor dem Rechner, recherchiert zu Bioinformatik, programmiert und dreht YouTube-Filme, in denen sie erklärt, wie künstliche Intelligenz die Medizin revolutioniert. „Schon als Achtjährige habe ich mich für Stammzellen interessiert“, sagt sie. Und nein, sie sei nicht schlauer als ihre Klassenkameraden, nur neugieriger. Kaum zu glauben, bei der Geschwindigkeit, mit der Gracelyn über Genetik und maschinelles Lernen spricht. Letzten Sommer half sie einer kanadischen Bank bei der Entwicklung von Anwendungen für maschinelles Lernen. Gerade beim Erkennen von Mustern seien Maschinen so viel schneller als wir, sagt die junge Frau und schildert die Ergebnisse einer Studie, in der Tumoraufnahmen von Computern exakter beurteilt wurden als von Ärzten mit jahrelanger Erfahrung. Auch beim Entschlüsseln unseres Gen-Codes spiele KI eine große Rolle. Allerdings sei es auch so: „Wenn der Algorithmus merkt, wo sich ein Fehler auf der DNA befindet, fragt er nicht, ob die Beseitigung vielleicht ein anderes Problem auslöst.“ Für die Einordnung ins große Ganze, für die ethische Beurteilung, brauche es den Menschen. Auch deshalb will sie jeden Tag dazulernen: um die Grenzen der künstlichen Intelligenz zu begreifen.

„Meine Aufgabe ist es, die möglichen Konsequenzen zu erkennen.“

Elizabeth Hofvenschiöld, 44, Zukunftsforscherin bei der Daimler AG, analysiert schon bei der Entwicklung von Innovationen mögliche Konsequenzen.

Porträt von Elizabeth Hofvenschiöld vor einem grauen Hintergrund.

Foto: Mercedes-Benz AG/Sandra Wolf

Angefangen hat die Schwedin Elizabeth Hofvenschiöld als Archäologin, heute ist sie Zukunftsforscherin. Was sie auf dieser Zeitreise gelernt hat? Dass alles Veränderung ist. Und dass neue Entwicklungen vernünftige Richtlinien brauchen. Aus diesem Grund konzentriert sie sich bei der Daimler AG auf die ethischen und gesellschaftlichen Aspekte des automatisierten Fahrens. Es geht um Sicherheit, um Zuverlässigkeit, Verantwortung und Privatsphäre. „Meine Aufgabe ist es, die möglichen Konsequenzen zu erkennen, wenn so eine Technologie auf den Markt kommt“, erklärt sie. „Mich interessieren aber vor allem die Vorteile, die KI hat. Sollten sich Nachteile herauskristallisieren, können wir sehr schnell gegensteuern.“ Bei der Daimler AG werden deshalb ständig Daten zum automatisierten Fahren analysiert, die Fahrzeuge in aufwendigen Tests immer weiter optimiert. „Das Fahrverhalten der Menschen ist in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Automatisiertes Fahren wird wahrscheinlich überall anders angenommen – auch deshalb ist es uns wichtig, die Bedürfnisse in den verschiedenen Ländern zu berücksichtigen.“ Neben ihrer Arbeit schreibt Elizabeth gerade an ihrer Promotion. Das Thema: die Kommunikation zwischen Zukunftsforschern und Entscheidungsträgern. Um ihre Familie kümmert sie sich außerdem. Woher sie die Energie für all das nimmt? „Ich brenne einfach für meine Arbeit“, antwortet sie.

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