Starke Töchter

11.08.2020 | Autor: Iris Mydlach | Fotos: René Fietzek

Eine Mutter und eine Tochter stehen in einem Raum mit beigen Wänden und tragen schwarze Shirts. Die Mutter steht hinter ihrer Tochter und schaut nach rechts, die Tochter wendet der Kamera den Rücken zu.
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Zwei Mütter und ein Vater erzählen uns von der Erziehung ihrer Töchter zu starken Frauen.

Eine Mutter, die unmittelbar vor ihrer Tochter steht. Beide blicken direkt in die Kamera.

Lilian Breidenbach, 26, startet mit der Vertrags-Software „Legal OS“ im Tech-Business durch. Den Gründergeist dürfte sie von ihrer Mutter Joana, 54, haben, die die Spendenplattform betterplace.org schuf.

Joana Breidenbach: Mutter zu werden hat einiges in mir ausgelöst. Ich war Mitte 20 und hatte viele Ängste. Als meine Kinder kamen, war das für mich wie eine Befreiung. Ich merkte, dass ich eine gute Mutter war, einfach so.

Lilian Breidenbach: Früher war ich sehr zurückhaltend. Aber ich habe mich in meiner Schüchternheit nie unsicher gefühlt, denn ich war in meiner Familie aufgehoben. Meine Mutter hat meinem Bruder und mir früher Geschichten erzählt, in denen wir selbst die Hauptrolle spielten: Wir waren die mutigsten und klügsten Kinder der Welt. Viel mutiger als im echten Leben!

Joana Breidenbach: Lilian war früher so schüchtern, dass ich mir ein wenig Sorgen gemacht habe. Sie hat sich sehr um die Schwächeren gekümmert, sodass ich mich gefragt habe, ob sie dabei selbst nicht zu kurz kommt. Aber dann gab es diesen ermächtigenden Moment: Lilian ging für ein halbes Jahr nach Bali, zu einer Freundin der Familie. Da war sie 16, sie wollte es so und ich habe sie gelassen.

Lilian Breidenbach: Komischerweise habe ich genau in den Phasen, in denen ich Abstand von der Familie hatte, Selbstbewusstsein entwickelt. Dass ich wusste, wer mir Halt gibt, hat mir die nötige Sicherheit vermittelt. In meiner Kindheit gab es wenige Regeln und sehr viel Freiheit, vor allem intellektuellen Freiraum. Wir konnten früh unsere eigenen Entscheidungen treffen. Ich sah aus wie ein Junge, mein Bruder trug lange Haare. Weil wir es wollten.

Joana Breidenbach: Die beiden gehen einfach ihren Weg. Für mich ist es gerade faszinierend zu sehen, wie Lilian mich beruflich überholt. Ihr Start-up ist erfolgreich. Ich entdecke neue Facetten an ihr und denke: „Wow, das ist meine Tochter!“ Sie weiß und kann inzwischen mehr als ich. Das finde ich toll.

Ein Vater sitzt vor seiner Tochter, die ihre Arme auf seine Schultern legt. Sie blickt in die Kamera, er schaut leicht nach rechts.

Anne-Marie Imafidon, 30, machte mit 20 Jahren einen Master in Mathematik. Die Londonerin hält derzeit Vorträge über Themen wie künstliche Intelligenz (aimafidon.com). Ihr Vater, Chris Imafidon, ist Vorstandsvorsitzender des Programms Excellence in Education und ein gefragter Berater für Informatik und Bildung.

Chris Imafidon: Anne-Marie war von klein auf neugierig. Als Kind hat sie uns mit Fragen überhäuft. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und wir dachten am Anfang, das sei nur eine Phase. Das war es aber nicht. Sie hatte mehr Fragen als wir Antworten. Deshalb haben wir Anne-Marie die Welt der Technik und der Suchmaschinen gezeigt.

Anne-Marie Imafidon: Bei uns war immer etwas los. Wir hatten sehr oft Besuch, haben zusammen gegessen, gelacht, Geschichten erzählt. Ich erinnere mich aber auch, wie ich als kleines Kind ganz ruhig alle technischen Geräte im Haus erforscht habe. Ich war davon fasziniert, wollte wissen, wie das alles funktioniert.

Chris Imafidon: Jedes Kind ist ein Genie. In dem Moment, wo es auf die Welt kommt, beginnt es von allein zu lernen. Wenn ein Baby keine Lust hat auf das Essen, das man ihm vorsetzt, schmeißt es es auf den Boden. Niemand hat ihm das Gesetz der Schwerkraft erklärt. Wir haben unsere Kinder viel experimentieren lassen. Zu lernen, dass man auch mal scheitert, gehörte automatisch dazu.

Anne-Marie Imafidon: Früh zu begreifen, dass ich selbst Antworten auf meine Fragen finden kann, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Davon profitiere ich noch heute. Wenn andere an dich und an deine Fähigkeiten glauben und dir dabei helfen, Lösungen zu finden, dann kannst du alles erreichen.

Eine Mutter, die neben ihrer Tochter steht und ihren Oberkopf in Richtung der Wangen der Töchter legt.

Acht Goldmedaillen bei den Paralympics: Die Skirennfahrerin Marie Bochet bricht Rekorde. Die Anfänge machte die 26-Jährige, die mit einer Fehlbildung des linken Unterarms geboren wurde, in den französischen Alpen – unterstützt von ihrer Mutter Françoise Bochet.

Françoise Bochet: Ich habe mich stets gefragt, was in mir ist, das ich zu geben vermag. Ich glaube, man kann an seine Kinder nur weiterreichen, was man in sich spürt. Bei mir waren es unglaublich viel Liebe, der Glaube an die Menschen und an die Natur. Ich bewirtschafte eine Schutzhütte in den Alpen. Die Sommer haben wir in den Bergen verbracht.

Marie Bochet: Die Zeit auf der Alm hat mich stark gemacht. Die Natur kennt die Einsamkeit und die Gemeinschaft. Dieses Wissen begleitet mich durch Höhen und Tiefen. Die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, war voller Zuneigung. Nicht nur wegen meiner Eltern, sondern auch wegen der anderen Menschen, die sich auf der Hütte um uns kümmerten. All die Verwandten, Tanten, Onkel, Großcousinen!

Françoise Bochet: Marie war immer voller Energie. Ich sehe heute noch vor mir, wie sie als Dreijährige glücklich auf Skiern stand. Irgendwann begannen die Wettkämpfe. Maries Trainer schubste sie auf die Piste, weil er wusste, dass sie als einzige Sportlerin mit nur einem Arm am Startblock Nachteile hatte. Und Marie sagte: „Jean-Michel, hör bitte auf damit. Ich möchte aus eigener Kraft ins Ziel.“

Marie Bochet: Bis heute fragen mich Menschen, ob es nicht Mut gekostet hat, ihm das zu sagen. Aber weil ich tiefes Vertrauen hatte, fiel mir das leicht.

Haltung, Herz und Zuversicht – kein Patentrezept, aber wichtige Zutaten für eine Erziehung, die aus Mädchen starke Frauen macht.

Die Frage nach dem Selbstbewusstsein stellt sich nicht von Anfang an. Zunächst liegt dieses winzige Glück in unseren Armen, überwältigt uns, bringt uns zum Lachen, lässt uns immer wieder ungläubig den Kopf schütteln. Es sind die wunderbaren Momente nach der Geburt und sie lassen uns alles vergessen. Wir sind einfach nur da, genießen das Hier und Jetzt.

Aber was ist ein paar Jahre später? Wenn aus dem Baby ein Kind wird, das plötzlich Fragen stellt, sich vor uns aufbaut und uns wie eine Naturgewalt, mit all der Kraft, die in ihm schlummert, packt. Bis diese Phase irgendwann nachlässt und Platz macht für Geschlechterstereotype: Im Alter von sechs Jahren, das haben Studien von US-Forschern aus dem Jahr 2017 gezeigt, beginnen Mädchen, an sich zu zweifeln. Liest man ihnen Geschichten vor mit einer Hauptperson, die mutig und stark ist, dann sagen sie: „Das ist ein Junge.“ Denn sie halten solche Charaktere für typisch männlich. Weshalb sich viele Eltern immer wieder fragen: „Wie können wir Mädchen so erziehen, dass aus ihnen starke, selbstbewusste Frauen werden? Die mit Haltung und Zuversicht sämtliche Hürden bewältigen, beruflich wie privat erfolgreich sind?“

Sich selbst erkennen und verstehen.

In der jungen Generation gibt es viele Frauen, die dabei sind, die Führung zu übernehmen, die neue Wege gehen und dabei auf das eigene Gespür vertrauen. Angst vor Fehlern haben sie nicht. Um im Denken so frei sein zu können, braucht man Zuversicht, Gewissheit. Eine weitere Voraussetzung ist ein Gefühl, das meist nur die Eltern einem geben: Urvertrauen, in sich, in andere, in das Leben. Um ihrem Kind dies zu vermitteln, müssen Eltern mit sich im Reinen sein.

Nur so können sie der feste Rückhalt sein, wenn für ihre Kinder die ersten Stürme aufziehen. Sie, die Eltern, sind die ersten Vorbilder in deren Leben. Erst später kommen andere Role Models hinzu. Aus der Familie oder der Gesellschaft. „Eltern sollten ihre eigenen Werte kennen und sich selbst verstehen“, sagt Ainnat Lifshitz, die im kanadischen Ontario als Familiencoach arbeitet. „Erst wenn sie sich selbst bewusst wahrnehmen und es schaffen, sich in ihrem Verhalten nach innen und außen selbst zu regulieren, dann können sie diese Eigenschaft auch ihren Kindern vermitteln.“

Es ist genau das, was Joana Breidenbach an sich selbst bemerkte, als sie mit Mitte 20 Mutter wurde. Dass sie die Beschränkungen ihrer eigenen Kindheit nicht an die nächste Generation weitergeben wollte. Ihre Lösung: sich bewusst zu machen, was sie für ihren Nachwuchs wollte – und was nicht. Für ihre Tochter Lilian bedeutete das eine Kindheit ohne Zwänge, ohne Druck von außen. Die Freiheit, in der sie aufwuchs, sei vor allem eine intellektuelle gewesen, sagt sie. Es gab Raum, eigene Gedanken zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen. Sich ins Ungewisse zu stürzen und sich trotzdem sicher zu fühlen. An sich zu glauben. Die eigenen Fehler als etwas Wertvolles zu begreifen.

Auch die Gesellschaft ist gefragt.

Wer den Sprung ins Unbekannte von klein auf verinnerlicht, dem wird es auch im späteren Leben um einiges leichter fallen, auch schwierige Entscheidungen zu treffen. Für sich selbst – und für die anderen. Ein internationales Forscherteam am Leipziger Max-Planck-Institut fand 2017 heraus, dass Kinder schon mit zwei Jahren die gleiche Freude dabei empfinden, wenn sie eigene Ziele erreichen wie, wenn sie anderen helfen, deren Ziele zu schaffen.

Um Mädchen auf ihrem Weg zu einem guten Selbstbewusstsein zu begleiten, sind allerdings nicht nur die eigenen Eltern gefragt. Sondern auch die Gesellschaft. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“, lautet ein viel zitiertes Sprichwort aus Nigeria. Die deutsche Entwicklungspsychologin Heidi Keller sagt passend dazu: „Während in der westlichen Kultur das Kind als gleichberechtigter Partner wahrgenommen wird, das von früh auf seinen Willen ausdrückt und auch ausdrücken soll, steht in anderen Kulturen eher die Gemeinschaft im Vordergrund. In diesen Gesellschaften sagen die Eltern, es sei das Bedürfnis eines Kindes, Teil einer Gemeinschaft zu werden und daraus Selbstbewusstsein zu ziehen. Wobei es eigentlich überall um die gleichen Werte geht, um Zufriedenheit und das Gefühl, erfüllt zu sein.“

Françoise Bochet verbrachte die Sommer mit ihren Kindern auf einer Hütte in den Bergen, recht abgeschnitten vom Rest der Welt. „Ich glaube, das hat ihnen eine besondere Kraft gegeben.“ Starke Eltern, starke Kinder: Es ist der Wunsch nach einer glücklichen Kindheit, nach einer guten Mischung aus Regeln und Freiheit, aus Individualismus und Gemeinsinn, der Väter und Mütter überall auf der Welt eint. Und jeder Einzelne kann darüber eine Geschichte erzählen.

Unsere Autorin Iris Mydlach wünscht sich für ihre Tochter, dass sie so mutig durchs Leben geht wie die jungen Frauen, mit denen sie für diese Geschichte gesprochen hat. Ihr Fazit: „Ich muss dafür gar nicht so viel tun. Wichtig ist, dass ich an all das glaube, was ohnehin schon in meiner Tochter steckt.“

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