„Viele dieser Typen wollten bloß Selfies“

23.01.2020 | Autor: Maxi Leinkauf | Fotos: Alex Welsh   

Gwyneth Paltrow trägt eine blau-weiß-gestreifte Bluse.
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Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow über ihre größte Rolle: als erfolgreiche Unternehmerin.

Offen und selbstironisch sprach Gwyneth Paltrow bei einem Dinner, zu dem die She’s Mercedes Initiative auf der vergangenen South by Southwest Konferenz geladen hatte. Die Hollywood-Schauspielerin darüber, wie sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau wurde, bei Meetings heimlich Businessbegriffe googelte, und über die schwierige Suche nach Investoren.

Frau Paltrow, 2016 haben Sie offiziell den Posten des CEO von Goop übernommen, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Warum haben Sie das nicht groß verkündet?

Na ja, ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das packe. Ich musste viel Mut aufbringen, um diesen Schritt zu machen. Wollte mich erst beweisen, bevor ich das öffentlich bekannt gebe. Ich habe kein Wirtschaftsstudium absolviert, noch nicht einmal das College abgeschlossen. Meinen ganz persönlichen MBA habe ich in der alltäglichen Praxis gemacht. Es war Learning by Doing. Und ich lerne immer noch.

Inzwischen haben Sie bewiesen, dass Sie es können. Seitdem Sie Geschäftsführerin sind, hat sich der Umsatz verdoppelt.

Verdreifacht.

Entschuldigung, verdreifacht! Sie haben das Wachstum des Unternehmens erheblich gesteigert. Mit welchen neuen Ideen haben Sie dies möglich gemacht?

Da gab es ein paar Dinge. Ein Problem war, dass das Unternehmen auf L.A. und New York verteilt war. Ich musste erst einmal wieder den Unternehmergeist wecken, den wir am Anfang hatten, als wir noch zu dritt am Küchentisch saßen. Dieses Gefühl hatten wir verloren, deshalb wollte ich wieder alle zurück an einen Ort holen. Ich musste mir auch klar darüber werden, was ich wollte und was unsere Ziele waren. Der Firma fehlten Qualitäten, die ich als männlich bezeichnen würde. Wenn man ein Unternehmen startet, wird es auf seine eigene Weise zum Leben erweckt. Das ist etwas sehr Feminines, selbst wenn es sich um ein paar Typen in einer Garage im Silicon Valley handelt. Man kooperiert, ist leidenschaftlich und kreativ – alles weibliche Eigenschaften. Irgendwann muss man dann die eher männlichen Elemente wie etwa Struktur, Regeln und Personal hinzufügen.

Sie haben immer Ihren eigenen Stil geprägt. Die Entwicklung von Produkten geschieht großteils intuitiv, man hat es im Gefühl, dass es einen Markt dafür gibt. Und dann sieht man sich die Informationen zu Kunden an und möchte auf der Grundlage von Daten einen Bedarf bedienen. Wie finden Sie da die richtige Balance?

Das ist wirklich ein Balanceakt. Der Bereich, wo sich Daten und Intuition überschneiden, ist für mich vielleicht das Interessanteste am ganzen Geschäft. Ich habe von Natur aus ein sehr ausgeprägtes Gespür für Dinge, da ist es faszinierend, mich auch mit den Daten zu beschäftigen. Manchmal fühle ich mich durch sie bestärkt, manchmal sagen sie mir, dass ich in die entgegengesetzte Richtung muss. Es gibt Tausende Arten, die Dinge anzugehen, das ist toll. Man muss immer versuchen zu verstehen, wer die Kundinnen sind, woher sie kommen, welche Wünsche sie haben, was sie lesen, was sie kaufen oder nicht kaufen.

Gwyneth Paltrow trägt eine blau-weiß-gestreifte Bluse und fasst in ihre Haare.

Ich merke, Daten haben es Ihnen angetan. Sprechen wir über die finanzielle Seite: Wie sind Ihre Erfahrungen im Auftreiben von Kapital? 

Anfangs war es hart. Ich musste Geld beschaffen, um ein Fundament zu haben und ein Team anheuern zu können. Zahlreiche Meetings waren nötig und es stellte sich heraus, dass viele dieser Typen bloß Selfies wollten, die sie ihrer Frau zeigen konnten. Ich glaube, dass es grundsätzlich nicht leicht für Frauen ist. Denn die meisten Investoren sind Männer, die denken, sie bräuchten ein Unternehmen wie meines nicht. Es war demütigend. Als ich dann eine wachsende Firma hatte, war alles viel leichter.

Sie reden sehr offen über Ihre Unsicherheit. Das ist ungewöhnlich, besonders bei männlichen Unternehmern. Aber auch viele Unternehmerinnen geben sich nach außen stark. Haben Sie Angst, Schwächen preiszugeben?

Nein, diese Verwundbarkeit ist ein Teil von mir. Ich bin in dieses Business geworfen worden und musste praktisch ein ganzes Wörterbuch mit neuen Begriffen lernen. Manchmal fühlte ich mich wie die dümmste Person Amerikas. Ich erinnere mich, wie ich in einem Meeting unter dem Tisch Businessbegriffe googelte. Und wissen Sie was? Es ist mir egal. Ich habe beschlossen, die Fragen einfach zu stellen, auch wenn sich daran jemand stören sollte.

Denken Sie, dass Ihre Berühmtheit positiv oder negativ für die Entwicklung von Goop ist?

Beides. Wäre ich nicht Gwyneth Paltrow, hätte ich nicht diese große Plattform gehabt und niemand hätte meinen Newsletter abonniert. Wäre ich 2008 nicht schon so bekannt gewesen und hätte einfach nur gute Rezepte und Reiseempfehlungen geschrieben, wäre kein Artikel in der New York Times erschienen. Keiner hätte gefragt, wieso ich das mache. Die Leute verstehen oft nicht, warum Frauen mehr als nur eine Facette zeigen wollen. Sie möchten vielleicht mütterlich und sexy, lustig und superintelligent oder von alldem etwas sein. Viele begreifen einfach nicht, dass wir ziemlich komplex sind. Frauen werden definitiv durch eine andere Brille betrachtet. Aber ich versuche, mir da einfach ein dickes Fell zuzulegen.

Gwyneth und Goop

Die Schauspielerin hat aus ihrem Lifestyle-Blog ein internationales Unternehmen mit Fokus auf Wellness, Fitness und Gesundheit gemacht. Goop bietet eine breite Produktpalette von Kleidung bis zu Duftaromen. Das Unternehmen wurde in seiner letzten veröffentlichten Bewertung auf 250 Millionen US-Dollar geschätzt, beschäftigt derzeit rund 250 Mitarbeiter und hat eine eigene Netflix-Serie.

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