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Eyephone statt Smartphone.

Ersetzen intelligente Kontaktlinsen das Smartphone?

Googeln mit dem Auge.

Wird sich noch irgendjemand im Jahre 2100 an das Wi-Fi-Symbol erinnern? Jenes Zeichen mit dem Punkt und den drei Wellen, welches einen heute auf kabelloses Internet hinweist. Wahrscheinlich nicht, denn in der Zukunft ist alles ohne Ausnahme drahtlos vernetzt. Geht es nach dem amerikanischen Physiker Michio Kaku, wird der Zugang zum Internet nicht mehr über Computer oder Smartphones stattfinden: “The internet is going to be in our contact lense”.

Erst 2008 war es Wissenschaftlern der Universität Washington gelungen, eine Kontaktlinse mit eingeprägten elektrischen Schaltkreisen zu entwickeln. Die Smart Contact Lense war geboren. Seit diesem technologischen Durchbruch forschen diverse Unternehmen wie Sony, Samsung, EPGLMed oder Google an einer marktreifen Variante, die dem Menschen eine neue Dimension des Sehens ermöglichen soll. Sie soll das Werkzeug sein, das dem Menschen zu einer besseren Gesundheit verhilft und ihn in Echtzeit mit dem gesamten Wissen der Welt verbindet: Googeln mit dem Auge.

Erweitertes Sehen.

Damit der Austausch von Informationen zwischen der Smart Lense und dem Netz gelingt, bedarf es der sogenannten Interscatter Communication. Einer Technologie aus dem Jahr 2016, die es ermöglicht, Bluetooth-Signale – die von der Kontaktlinse gesendet werden – in Wi-Fi-Signale zu verwandeln. Im gleichen Jahr meldeten Sony und Samsung Patente für intelligente Linsen an, die in der Lage sein sollen, Fotos zu schießen und Filme aufzunehmen. Darüber hinaus sind sie Augmented-Reality-fähig (AR), um das, was man mit dem Auge sieht, mit zusätzlichen Informationen aus dem Netz zu ergänzen. Erst im Mai 2017 wurde mit Google Lens eine Technologie vorgestellt, die AR-Einblendungen tatsächlich zu ermöglichen scheint. Durch sie wird die Kamera eines Smartphones in eine Suchmaschine verwandelt. Scannt man mit Google Lens beispielsweise eine Ladenzeile, liest eine künstliche Intelligenz die Bildinformationen aus und blendet daraufhin in Echtzeit Informationen etwa über die Geschäfte auf dem Display ein.

Linsen so dünn wie Atome.

Bisher haben Smart Lenses selten den Prototypen-Status erreicht. Jedoch lassen die fortschreitende Verkleinerung von Hardware sowie der Einsatz neuer Materialien und Fertigungsmethoden darauf hoffen, dass sich intelligente Linsen eines Tages durchsetzen werden. Erst im Juni 2017 wurde in den USA ein Metamaterial entwickelt, das so flach wie ein Papier ist und dennoch wie eine Linse fungiert. Es besteht aus einem Muster aus Millionen winziger Säulen aus Titanoxid, die gerade mal 600 Nanometer hoch sind – das entspricht ungefähr der Höhe von fünf aufeinandergestapelten Wasserstoffatomen.

Daneben lassen sich schon heute mithilfe von 3D-Druck so kleine Linsen plotten, die auf einem Chip von der Größe einer Cent-Münze Platz haben. Ein technologisches Wunderwerk, das mit bloßen Händen nicht reproduzierbar wäre.

Seit 2010 forscht man an der Universität Stuttgart an der Entwicklung elektronischer Adleraugen. Diese können sowohl in der Ferne als auch in der allernächsten Nähe scharf sehen – und das gleichzeitig. Wie ein Adler, der seine Beute mehrere Hundert Meter unter sich genauestens erkennt und gleichzeitig mit seinem peripheren Sichtfeld seine Flugbahn links und rechts nach Gefahren abtastet. Anfang 2017 stellte schließlich das Team um Harald Giessen dieses Linsenkonzept vor. Eine Technologie, auf die die Welt gewartet hat. Drohnen, autonom fahrende Autos, Roboter, Smartphones – sie alle könnten mit der neuen Linsentechnologie verbessert werden.

Der edelste aller Sinne.

„Unsere gesamte Lebensführung hängt von unseren Sinnen ab, und weil der Sehsinn der umfassendste und edelste von ihnen ist, gehören zweifellos alle Erfindungen, die seine Leistung steigern, zu den nützlichsten, die man sich denken kann.“ – Was der französische Philosoph René Descartes bereits 1637 in der Renaissance verkündete, gilt auch für die Gegenwart. Einst war es die Brille, die das Leistungsvermögen und die Produktivität der Menschheit steigerte. Heute sind es Smartphones und Smart Glasses, die die Umwelt in eine digitale Wunderkammer verwandeln und den Nutzer mit dem Wissen seiner Zeit verbinden. Wie wird sich dieses Potenzial erst steigern lassen, wenn man diese Prozesse allein mit dem Auge steuert – ohne die Hände zu nutzen. Wenn die technologischen Fortschritte weiter so rasant voranschreiten, ist das Zeitalter der Smartphones womöglich schneller vorbei, als man “Wi-Fi” sagen kann. Dann reicht ein kleiner Fingerdruck gegen die Schläfe, und schon zoomt das Auge mit 3-facher Vergrößerung, stellt die Kontraste scharf und sorgt dafür, dass man immer in 32K sieht. Ist die Smart Lense also nur der Bote des kommenden Zeitalters der Neuro Devices?

Autoren: Christian Geiss und Jean-Paul Olivier