Britta Seeger trifft Hildegard Wortmann: Ein Gespräch über Fahrspaß, Emanzipation und Strategie.

Eine außergewöhnliche Interviewkonstellation: Britta Seeger, Mitglied des Vorstands der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG, verantwortlich für Vertrieb, traf Hildegard Wortmann, Mitglied des Vorstands der AUDI AG, Marketing und Vertrieb. Gemeinsam mit DRIVE, dem Automagazin der Stuttgarter Zeitung, sprachen sie über aktuelle Herausforderungen für Vertrieb und Marketing, Diversity und Leadership.

Aus: DRIVE, Supplement Stuttgarter Zeitung, Mai/Juni 2020.
Interview: Mirella Sidro.
Fotos: Philipp Mueller.

Als Vorstandsmitglieder der Daimler AG  sowie Audi AG stehen Britta Seeger und Hildegard Wortmann für die wachsende Zahl an  Managerinnen, die die Autobranche prägen. Ein Gespräch über Fahrspaß, Emanzipation und Strategie.

DRIVE : Frau Seeger, Frau Wortmann, welches war Ihr erstes Auto?

Britta Seeger: Das VW Käfer Cabriolet meiner Mutter, Baujahr 1971. Vor zwei Jahren ist der Käfer in meinen Besitz übergegangen. An ihm restauriere ich weiter liebevoll herum.

Hildegard Wortmann: Ich hatte einen froschgrünen VW Polo. Ich habe ihn mir damals selbst finanziert, indem ich Nachhilfestunden gegeben habe. Zum 18. Geburtstag musste man einfach den Führerschein in der Tasche und ein Auto vor der Tür haben.

Und heute?

HW: Ich bin weiter leidenschaftliche Autofahrerin. Zwar gehöre ich nicht zur Schrauberfraktion, aber ich liebe alte Autos und bin sogar schon dreimal beim Rennen Mille Miglia mitgefahren. Nun habe ich als Vertriebsvorständin die Möglichkeit, auf eine große Flotte zurückgreifen zu können, und ich nutze sie, um unsere Modelle zu testen.

BS: Auch ich fahre gern immer wieder die unterschiedlichsten Fahrzeuge und verreise am liebsten mit dem Auto. Außerdem bin ich weiterhin leidenschaftlicher Cabrio-Fan.

Welche Auswirkungen wird Ihrer Meinung nach die COVID-19-Krise auf die Autobranche haben?

HW: Alle großen Krisen haben eines gemeinsam: Sie lassen die Menschen zusammenhalten, kreativ nach Lösungen suchen – und führen so oft dazu, dass sich bestimmte Entwicklungen beschleunigen oder ganz neue Wege auftun. Das gilt auch für die COVID-19-Krise, die zum Beispiel den Megatrend „Digitalisierung“ nicht nur in der Autobranche noch einmal massiv verstärkt hat. Um auch weiter mit unseren Kunden in Kontakt zu bleiben, haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv auf unsere digitalen Tools und Services gesetzt. Diese Strategie in Richtung digitaler Geschäftsmodelle werden wir weiter konsequent verfolgen.           

BS: Auch bei unseren Kunden hat die Pandemie die Nutzung von digitalen Touchpoints beschleunigt. Gemeinsam mit unseren Handelspartnern haben wir kurzfristig unsere bestehenden Online-Angebote verstärkt, und das wurde gut angenommen. Digitale Kanäle sowie kontaktlose Services werden noch stärker in den Fokus rücken.           

HW: Ansonsten ist mir wichtig, auch beim „kontaktlosen“ Kontakt zu meinen weltweiten Kollegen und Partnern offen und transparent zu kommunizieren, Mut zu machen und stets einen Ausblick auf unsere gemeinsame Zukunft zu geben.           

BS: Das sehe ich auch so. Die aktuellen Herausforderungen können wir nur gemeinsam als Team meistern. Die Situation hat uns außerdem vor Augen geführt, dass individuelle Mobilität ein sehr wertvolles Gut ist und bleibt. Dem Diskurs, den die Gesellschaft dabei über Nachhaltigkeit und CO₂-neutrale Mobilität führt, stellen wir uns natürlich unverändert.

Die Branche steckte schon vor der Krise in einer großen Transformation. Wie kann man die Kunden in Zukunft begeistern?

BS: Ich kann Ihnen immer noch genau sagen, in welchen Etappen meiner Biografie ich welches Modell gefahren bin. Autos drücken nicht nur für mich ein Lebensgefühl aus, gerade diese emotionale Begeisterung spielt beim Autokauf für Kunden eine große Rolle. Wir erleben allerdings derzeit auch einen Wandel: Ich zum Beispiel habe Drillinge, die jetzt volljährig werden. Sie haben einen umfassenden Zugriff auf Nahverkehr, es gibt Nachtbusse, Car-Sharing, eine Infrastruktur, die wir früher nicht hatten. Das alles können Gründe sein, erst später ein Auto zu besitzen, wenn die Lebensumstände sich ändern. Die Befriedigung des Mobilitätsbedürfnisses der Kunden wird also auch in Zukunft sehr individuell sein.           

HW: Ich erlebe die aktuellen Umbrüche als Chance für unsere Marken. Bei einem Premiumfahrzeug geht es selten ums reine Transportbedürfnis. Es geht ums gewisse Extra, wie gesagt: um ein Lebensgefühl. Emotionen werden immer ein Argument bleiben, um ein Auto zu besitzen.

Das Auto wird also wieder mehr zum Statussymbol werden?

HW: Eher zu einem Ort für besondere Erlebnisse. Es gibt Statistiken darüber, wie viel Zeit wir im Auto verbringen, und diese besagen, dass die Tendenz eher steigt. Das zu gestalten, mit Design und Diensten, bedeutet für uns ein großes Geschäftspotenzial, vor allem im Bereich „Connectivity“.           

BS: Die Megametropolen stellen besondere Anforderungen an uns, was die Mobilität unserer Kunden angeht. Das habe ich selbst erlebt, als ich in Seoul und in Istanbul gelebt habe und stundenlang im Stau gestanden bin. Da ist viel Raum für Emotionalisierung, und es ist gerade dann wichtig, dass sich der Kunde in seinem Auto absolut wohlfühlt.

Wie wichtig ist dabei denn noch das Autohaus vor Ort?

BS: Ich bin überzeugt, dass das persönliche Erleben einer Marke ein wesentlicher strategischer Faktor ist, besonders in einer digitalisierten Welt. Über 80 Prozent der Kunden möchten noch immer im persönlichen Kontakt beraten werden und Probefahrten machen. Wie der Handel in zehn Jahren aussehen wird? Es wird sich viel verändern, das sehen wir am Kundenverhalten. Wer früher einen Kaufvertrag unterschrieb, war vorher bis zu achtmal im Autohaus – heute sind es nur noch ein- bis zweimal. Daran sieht man schon, dass beim Autokauf digitale Komponenten an Bedeutung gewinnen. 

HW: Wenn auf der einen Seite die Plattformen digitaler werden, zählt auf der anderen der individuelle Austausch immer mehr. Es gibt diesen wunderbaren neuen Begriff „phygital“ – die Vereinigung von physisch und digital. Daraus muss eine Einheit werden, und sie muss in den Augen der Kunden eine überzeugende Markenhandschrift zeigen.

Thema „Zielgruppen“: Welche Rolle spielen hier Frauen und Männer? Es heißt ja oft, die Frauen entscheiden letztendlich über den Kauf eines Autos.

HW: Diese Rollenverteilung erleben wir so nicht mehr. Es geht nicht in erster Linie um Geschlechter, sondern um Bedürfnisse, um Mindsets. Und um Generationen. Entscheidend ist, dass wir progressive Menschen begeistern, denen es wichtig ist, digitale Kanäle und neue Mobilitätsformen zu nutzen.

BS: Was ich spannend finde: Frauen legen tendenziell weniger Wert auf riesige Auswahl und komplexe Features als Männer. Dafür ist es ihnen wichtig, dass das Auto ihnen eine Zeitersparnis und emotionale Be­reicherung bringt. „Time is of the essence“ – das ist der interessanteste Unterschied, den ich heute sehe.

Welche Führungsqualitäten sind in dieser Zeit in der Branche besonders wichtig?

HW: Ich muss mich als Vorstandsmitglied immer fragen: Warum mache ich diesen Job, und welchen Kundennutzen bringt er? Ich bin ein großer Freund der Unboss-Philosophie, also dem Streben nach neuen Firmenkulturen, die sich von alten hierarchischen Vorstellungen entfernen. Dazu brauchen wir Diversität, das Ideal der Co-Creation, und zwar am besten international.

BS: Gerade in der Transformation ist es wichtig, mit „shared Beliefs“ zu arbeiten, also mit einer Wertegrundlage, auf die sich alle einigen können. Früher hat man klassische Strategieprozesse angewendet, heute geht das nicht mehr. Wir brauchen den Input junger Menschen. Wir Führungskräfte haben zwar die Erfahrung, aber wir brauchen die Disruption durch neue Ideen.

HW: Ein fester Teil meiner Agenda  sind Meetings oder Chats mit den „young Talents“, ohne dass ihre Vorgesetzten dabei sind. Die neuen, jungen Köpfe sind meine Rockstars! Ich empfinde es als Privileg, diesen Austausch haben zu können und mit der jungen Crew etwas Neues zu schaffen.

Automobilkonzerne waren schon immer eher männlich geprägt. Wo sehen Sie hier die Herausforderungen bei Diversität und Gleichberechtigung?

BS: Ich bin seit 30 Jahren bei Mercedes-Benz. Heute liegt bei Daimler der Anteil von Frauen in Führungspositionen weltweit bei knapp 20 Prozent. Aber ja, den reinen Quoten nach ist es eher eine männlich geprägte Welt. Davon unabhängig kann ich hier viele Impulse setzen. Wenn ich mich mal in einer bestimmten  Situation nicht durchgesetzt habe, dann lag das nicht an meinem Geschlecht, sondern daran, dass meine Argumente nicht überzeugend waren – ein natürlicher Wettkampf eben. Ich versuche, jungen Frauen zu vermitteln, authentisch zu sein, sich auf die eigenen Stärken zu ­konzentrieren und sich nicht von vornherein zu sehr auf das Genderthema zu fixieren.           

HW: Wir können unsere Positionen nutzen, um als positive „Role Models“ zu wirken. Das Business ist keine Blechbiegerindustrie mehr, es entwickelt sich immer stärker zum Hightech-Geschäft. Das alte, tradierte Mann-Frau-Schema hat da keine Bedeutung mehr, vielmehr spielt das Interesse an neuen Medien und der Digitalisierung eine Rolle, und das ist nicht genderspezifisch. Bei uns sind mittlerweile 30 Prozent der Azubis weiblich, wir haben seit April eine zweite Frau im Vorstand und so weiter. Es bewegt sich eine ganze Menge. Ob es schnell genug geht? Nein. Ob wir mehr tun müssen? Ja, müssen wir. Aber ich sehe die Dinge deutlich positiver als noch vor ein paar Jahren.

Zum Abschluss: Wen würden Sie sich nach Ende der Corona-Krise bei einer Car-Sharing-Reise als Mitfahrer wünschen?

HW: Ich freue mich immer über inspi­rierende Gespräche und suche bewusst auch den Austausch mit Menschen, die überhaupt nichts mit der Autoindustrie zu tun haben. Ich würde mir natürlich wünschen, dass wir uns offen und auf Augenhöhe begegnen – und dabei von­einander lernen.

BS: Meine Familie und ich waren vor einigen Jahren in Island im Urlaub. Wir haben immer wieder Anhalter mitgenommen, und jeder dieser Menschen war eine absolute Bereicherung. Was ich mir nicht unbedingt wünsche: einen Beifahrer mit insgesamt negativer Einstellung. Ich bin großer Fan des Nach-vorne-Schauens und Neugierig-Bleibens – im positiven Sinn.